Dilettantismus als Glück

Das Glück des Dilettanten besteht in der anfänglichen Leichtigkeit von allem. Alles geht schnell, nichts stellt sich in den Weg und bevor man anfängt, ist man auch schon am Ziel. Damit sich aber die ausgelassenen Schwierigkeiten nicht doch noch melden und unerfüllbare Forderungen an den Dilettanten stellen, muss er Wege finden, diese Folgen in ein Vakuum abzuleiten, sie erfolgreich zu ignorieren und eine geordnete Flucht nach vorn antreten. Der Dilettant muss also ständig neue Unternehmungen beginnen, die Reste des Alten vergessen, übersehen und verdrängen – und darf darin kein Dilettant sein.

Wie ein solches Schneeballsystem funktionieren kann, zeigt ein einfaches Beispiel. Steigt der Dilettant auf sein Fahrrad und stellt sich bei dieser Gelegenheit die Frage, wie das Tretlager des Rads funktioniert, so steigt er wieder ab, nimmt das Gefährt mit in seine Wohnung und zerlegt es im Wohnzimmer. Leicht lassen sich die Schrauben herausdrehen, die Tretkurbeln abnehmen und die Lager aufschrauben, und man sieht jetzt sehr gut, wie im Innern ein Teil in das Andere greift. Die befriedigte Neugier schlägt dann aber beim Versuch, das Fahrrad wieder zusammen zu schrauben, in erste Schwierigkeiten um. Eins passt nun nicht mehr zum anderen, Schrauben wollen nicht ins Gewinde zurück und die Tretkurbel bleibt ein Einzelteil. Der Dilettant lässt daher die einzelnen Teile einfach auf dem Boden des Wohnzimmers liegen, ohne sich weiter mit der Montage abzumühen. Er wird auch keine Probleme damit haben, in Zukunft über das Fahrrad zu steigen oder ein Bogen um es herum zu machen. Ebenfalls ganz ohne Bedauern wird er von nun an zu Fuß gehen und lange Strecken konsequent meiden.

Es gelingt ihm also, aus den Folgen des anfänglich leichten Unternehmens so auszusteigen, dass er das Negative vermeidet, was ja möglich ist: denn bei den ersten Schwierigkeiten des Wiederzusammensetzens des Fahrrades kann man Halt machen und sich die Phase der steigenden Wut, dass Schrauben nicht so einfach reinzudrehen sind, wie sie herausgedreht wurden, das ganze Projekt aufgeben. In der Folge hat man dann das Problem, nicht mehr Rad fahren zu können und eine Fahrradleiche im Wohnzimmer liegen zu haben, die eigentlich auf den Müll gebracht werden müsste. Gelingt es nun aber, ohne jedes Bedauern zu Fuß zu gehen und das Skelett des Rades als organischen Bestandteil des Wohnzimmers zu betrachten, dann hat man auch diese Folge gemeistert.

Das Negative als das Natürliche und Faktische zu akzeptieren, heißt, aus dem Horizont der Ursachen und Wirkungen auszusteigen und sich stattdessen günstigen Winden und Strömungen neuer Interessen hinzugeben. Diese Kraft zum beständigen Neuanfang lässt sich gut an spielenden Kindern studieren, die sich um die Folgen ihres Tuns nicht kümmern. Bei Erwachsenen kommt sie nur selten vor, aber sie kommt vor, was sich anhand des Lebens des Schweizers Armand Schulthess (1901-1972) studieren lässt, ein Leben, welches eine perfekte Biographie des Dilettanten darstellt.

Schulthess wendet sich im Alter von fünfzig Jahren von seinem bürgerlichen Leben als Büroangestellter ab und erwirbt ein kleines Waldgrundstück im Tessin, das er als Ort nutzt, um ungestört seinen Unternehmungen und Interessen nachgehen zu können. So schuf er sich einen sozialen Raum, in dem niemand war, der ihn hätte kritisieren können, dass all seine Unternehmungen zu keinem Abschluss kamen. An diesem Ort, wo Irrtümer Irrtümer sein durften, begann er mit dem Projekt der Selbstversorgung. Die Ziegen, die er hierzu kaufte, waren jedoch zu sehr sich selbst überlassen und erdrosselten sich bald selbst, indem sie sich angeleint so oft um den Baum drehten, bis sie keine Luft mehr bekamen. Auf Milch und Fleisch verzichtete er daher, so wie auch auf warmes Essen, da sein Projekt der Elektrizitätsversorgung auch nicht aufging: das von ihm aufgestellte Windrad funktionierte nie, so dass Elektroherd und Kühlschrank auch nicht in Betrieb genommen werden konnten.

Markus Britschgi (Hrsg.)
S.Corinna Bille (Text)
Theo Frey (Fotografien

Armand Schulthess

1901-1972

Der verwunschene Garten des Wissens, 138 Seiten, ISBN 3-905425-00-9

Wichtiger aber als die Selbstversorgung war ihm die Idee der Selbstversorgung und der weite Horizont der Möglichkeiten, die diese versprach. Das intensive Studium der Literatur zum Thema führte ihn denn auch dazu, das Wissen zum Thema selbst zum Gegenstand zu machen, und zwar auf die Weise, einen philosophischen Baum anzulegen, was man wörtlich zu verstehen hat: die Rede ist davon, dass Armand Schulthess die für ihn wichtigsten Aspekte der Selbstversorgung aus Büchern und Artikeln abschrieb, auf Blechtafeln übertrug und diese Tafeln dann in das Geäst eines Baumes hing.

Ihm ging es dabei darum, dieses Wissen in die richtige Form zu bringen und eine Anordnung zu finden, in der es eine Verweisung des Wissens untereinander gibt. Als Modell für diese Ordnung diente ihm dabei der philosophische Baum der Alchimisten, bei dem ausgehend vom Stamm eines Baumes ein Prinzip seine verschiedenen Ausdrücke, Kategorien und Unterkategorien in den Verästelungen des Baumes findet. Was für die Alchemisten aber nur eine Illustration auf Papier war, nahm Schulthess wörtlich und hängte seine gesammelten Zitate und Zusammenfassungen in die Kastanien seines Grundstückes. Dabei schrieb er seine Mitteilungen auf das Blech von Konservendosen, welches er vorher mit weißer Farbe grundiert hatte und mit schwarzer Farbe beschriftete.

Was bei den Alchimisten bereits der Wissenschaftlichkeit nicht entsprach, war bei Schulthess einer tieferen Ordnung ganz enthoben. Sein Interesse aber war es nicht, ein Wissenschaftler zu sein, sondern seinen Interessen so nachzugehen, wie sie sich in ihm zeigten und dabei zugleich eine gewisse Sichtbarkeit der Ergebnisse zu garantieren. Abgesehen vom Thema der Selbstversorgung war er auf allen Gebieten des Wissen auf diese Weise aktiv. Jedem Baum war dabei ein bestimmtes Wissensgebiet zugeordnet: die Astronomie hatte ihren Baum, die Mineralogie, die Kunst, die Philosophie, die Kochkunst bekam ihren Baum, die Astrologie, die Chemie und die Physik. So entstand ein Enzyklopädie-Wäldchen, ein Baumwörterbuch, in dem das Wissen der ganzen Welt in einem Kastanienwald untergebracht war. A. S. ging dabei der Idee nach, das alles, was ist, gewesen war oder prinzipiell sein könnte, in Wörtern umgesetzt werden könne und diese Zeichen in den Bäumen ihren Platz finden würden.

Das gesammelte Wissen offerierte Schulthess dabei den Wanderern, die an seinem Grundstück vorbei kamen. Zu lesen war dort etwa folgendes: „Probleme des Seins: Grübeln sie wie alles so ist und wird? Eine Philosophieschule nach der anderen hat es für Sie gemacht; deren Bücher ausleihen, jede fand ETWAS. […] Antwort auf alle Fragen der Seele findet Sie in den Theosophiebüchern, solche ausleihen.“ Diese Aufforderungen an den Passanten bezogen sich dabei entweder darauf, dass man sich selbst diese Bücher zu besorgen hätte oder sie bei ihm ausleihen könnte. „Zum Experimentieren auf ganz kurze Distanz ist Kleinstsender da“, ließ er Vorbeigehende auf einer Blechtafel wissen. Diese Gerätschaften waren dann auch tatsächlich vorhanden, konnten aber von etwaigen Interessenten nicht genutzt werden, weil Schulthess vor den meisten Menschen erschreckt davon lief. Das entsprach dem Programm seines Dilettantismus: etwas anfangen, mit großen Enthusiasmus verfolgen, um es dann zu vergessen, da andere Projekte und Aussichten lockten. „Ich habe bald die Geburtsdaten von über 100 Menschen, die 80 Jahre oder älter sind, beisammen. Das erlaubt es mir, die Regeln der Langlebigkeit zu studieren.“, ließ er vorbeigehende Wanderer auf einer Tafel wissen. Ein anderes Thema war, über seine eigenen Lektüreerlebnisse zu sprechen: „In der Zeitung las ich folgendes Inserat: Uranvorkommen für Uranauffindungen u. Nachweis radioaktiver Strahlungen, transportables, nach neuesten wissenschaftlichen Forschungsergebnissen gebautes Suchgerät lieferbar“. Verbunden war das mit der Aufforderung, dass jeder für sich das Wesentliche seines Lesestoffs behalten solle: „Notieren Sie, was Sie an Lesestoff um sich herum haben. Das Interessante zeigen.“ Zeitungen und Bücher fand fand er dabei auf Müllhalden der Umgebung, denen er ab und zu Besuche abstattete. Da seine Interessen sehr weitgefächert waren und sich immer nach dem richteten, was er gerade in die Finger bekam, war für ihn jeder Unrathaufen, in dem bedrucktes Papier steckte, eine Bibliothek.

Fragen wir nun unsere große Frage, die nach dem Glück: worin besteht das Glück des Dilettanten? Es besteht in einer Leichtigkeit des Seins: alles ist ein zauberhafter Anfang, da der eine Anfang von unmittelbar darauf folgenden Anfang abgelöst wird. Das Leben wird so zu einer Abfolge günstiger Gelegenheiten, die einem beinahe von selbst in den Schoß fallen. Dabei handelt es sich nicht um eine Feststimmung des Daseins – diese würde bald einen Kater nach sich ziehen und in eine depressive Verstimmung umschlagen – sondern um ein beständiges Getragenwerden von der Bezauberung des Momentes. Diese Augenblicke zeichnen sich in ihrem Genuss dadurch aus, von sich nicht zu viel zu wissen. Das Störende am vorausliegenden Glück ist das Wissen um das, was kommt. In diesem Wissen entwertet sich das kommende Glück: im Wissen um das Kommen des Glücks wird das Glück ein Stück weit zur Last. Das Problem hat der Dilettant Schulthess nicht, da er sich in seinem Refugium ohne eine Festlegung seines Tuns bewegt. Er weiß, dass das Glück vor ihm liegt, aber er weiß nicht, was als nächstes kommt.

Wissen, dass das Glück vor der Haustür liegt, aber nicht wissen, was als nächstes ganz konkret kommt, ist selbst ein Glück. Und nur wenn das Glück ohne jede konkrete Bestimmung in seinem Kommen gespürt wird, kann es vollkommen sein. Bei Schulthess gibt es ein Wissen um die Zukunft als das kommende Glück; er kann sich seines Glückes sicher sein. Aber er weiß in diesem Vorlaufen in die Zukunft nicht, was an Glück kommen wird, d.h. was konkret er machen wird. Er kann sich frei bewegen in seinem Glück; das Glück kommt an jedem Ort auf ihn zu, es kommt ihm entgegen. Das Glück ist also auch räumlich zu verstehen: an jedem Ort gibt es etwas interessantes zu entdecken. Geht er ein Stück weiter, so ist in einem kleinen Sumpf auch etwas zu entdecken. Und wie bereits angedeutet ist es auch zeitlicher Natur. Das Glück ist immer das kommende Glück: das Herannahen ist Teil des Glücks, wobei es notwendig ist, dass das Glück als solches, also ganz allgemein, gespürt wird, auch, wo das Glück stattfinden wird, aber nicht was man im einzelnen machen wird, um glücklich zu sein.

Sebastian Knöpker