Gefühle aus dem Keller: das Deponiergefühl

von Sebastian Knöpker

Was im Dunkeln im Keller liegt, kann den Menschen stark beschäftigen und ihm eine dauernde Lust oder Unlust sein. Der Briefträger, der sich spontan einige Tage frei genommen hat und seine Briefe in seinem Keller lagert, anstatt sie auszutragen, wird ein drückendes Gefühl über seine heimliche Deponie entwickeln. Kommt er aus dem Keller, um dort weitere Briefe abzulagern, so nimmt er ein unangenehmes Deponiergefühl mit sich wenn er aus dem Untergeschoss zurückkommt. Er fühlt sich bedrückt, weil das, was dort unten liegt, sich als gefühlte Deponie in seinem Geist wiederspiegelt.

Der Weinkeller hingegen verschafft ein angenehmes Deponiergefühl. Wer zu allen Gelegenheiten und jedem Gericht den passenden Wein hat und wer davon reichlich hat, der ist angenehm durchstimmt von seinen Weinen. Steigt er aus seinem Keller wieder hoch und hat eine Flasche Wein dabei, dann nimmt er auch die hintergründige Anwesenheit seines Weinkellers mit sich. Er weiß nicht genau, was wo liegt und wie viele Flaschen er wovon hat, aber sein ungefähres Gefühl vom Keller ist auch nicht dazu da, eine Übersicht zu geben – es ist eine unauffällig durchdringende Freude.

Aber ist es nicht unanständig, seinen Besitz nicht zu gebrauchen und stattdessen zu horten und zu stapeln? Die Lust am gehorteten Schatz als Deponiergefühl spricht dagegen, da erst durch eine ordentliche Halde der Effekt zustande kommt. Nicht jede Halde lebt, so wie beim Kleiderschrank, der Endstation für Spontankäufe ist und eher wie beim Briefträger ein drückendes Gefühl auslöst oder keinerlei Eindruck macht. Und auch der Neureiche, der sich einen begehbaren Humidor bauen lässt und meint, seine Rauchwarensammlung würde ihm von selbst eine lustvolle Anwesenheit werden, hortet ohne Sinn und Verstand.

Will man seinen Humidor richtig spüren, so muss man zu seinen Zigarren über längere Zeit hinweg eine Beziehung aufbauen, so wie man die eigene Bibliothek nur dann in sich trägt, wenn man die einzelnen Bücher schon einmal gelesen oder doch zumindest durchgeblättert hat. Jeder Buchrücken, den man nur kurz mit einem Blick streift, wird so zu einer kleinen Welt, deren Inhalt sich in einem vagen Horizont abzeichnet, ohne das Buch aufschlagen zu müssen. So ist es auch bei den Zigarren, die im Humidor lagern und jede für sich eine kleine Welt in der Andeutung sind. Der Neureiche aber, der sich mit Zedernholz und handgeschliffenen Glasscheiben einen perfekten Humidor bauen lässt, wird kein richtiges Verhältnis zu den Rauchwaren aufbauen und am Deponiergefühl vorbeigehen.

Die Lust oder Unlust am Vorrat kann sich auch bei kleineren Dingen zeigen, beim Hobbygärtner anhand der Samen, die er in einem Schuhkarton aufbewahrt oder bei den Briefen, die ungeöffnet und unbeantwortet im Briefkasten einen Hinterhalt bilden. Es handelt sich jeweils um auf kleinstem Raum kondensierte Welten, die den Tag bereichern oder beschweren können.