Lustvolle Beerdigungen

von Sebastian Knöpker

Trauer, Traurigkeit und Freude liegen enger beieinander, als man denkt. Sie sind keine Gegensätze, auch wenn auf den ersten Blick die Trauer eine Unlust und die Freude am Tod eines Menschen eine Lust ist. Das eine spielt in das andere hinein und kennt Formen der dunklen Lust an der Trauer.

Bekanntestes Beispiel für die ausgelassene Beerdigung ist der jazz funeral in New Orleans, bei dem eine Jazzkapelle erst traurige und düstere Lieder spielt, um nach der Verabschiedung vom Toten die Tonart zu wechseln und fröhliche Upbeat oder Swing – Musik zu spielen, die eine Ausgelassenheit bis zur kathartetischen Euphorie hervorbringen kann. Eine solche Beerdigung zieht auch Schaulustige an, die eine sogenannte second line bilden und mit Taschentüchern und weißen Sonnenschirmen die Szene weiter ausstatten.

Wie die fröhlichen Totenfeiern auf Bali sind die jazz funerals eher Folklore und Touristenattraktion, als ein Übergang des Trauernden in die Freude an der Trauer. Ein solcher Übergang findet sich in Reinkultur in Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion, die das Leiden und Sterben von Jesus musikalisch wiedergibt. Auch wer nicht auf den gesungenen Text achtet und keine religiöse Ader besitzt, wird von der Musik so ergriffen werden, traurig zu sein und darin wiederum eine Freude zu empfinden. Die außerordentliche Empfindungstiefe der Matthäuspassion im Traurigsein bildet einen Genuss der dunklen Art, dem man sich auch ohne Gewissensbisse hingeben kann.

Verglichen mit einer mitreißend fröhlichen Musik, etwa dem „Sommer“ der Vier Jahreszeiten von Vivaldi, in der die Freude eben sie selbst ist, wird bei Bach die Traurigkeit selber gar nicht verlassen, sondern in ihr ein Genuss gefunden. Das Traurige ist also kein Nachteil, so dass man sagen müsste, dass die Passion trotz des düsteren Charakters überzeugend ist, sondern wegen ihr. Würde man das Traurige aus ihr entfernen und durch etwas Freudvolles ersetzen, käme auch nichts Gutes dabei heraus. Der besondere Genuss an der Trauer wäre dann nicht mehr möglich.

Die Durchdringung von Lust und Unlust als durchstimmte Einheit wird auf französisch jouissance genannt. Allgemein wird damit eine Überschreitung des Üblichen und des Gesetzten in Richtung auf eine besondere Lust des Unüblichen gemeint, wie sie sich beispielsweise bei der Euphorie am Tod eines Mitmenschen zeigen kann. Georges Bataille, ein französischer Intellektueller (1897 – 1962) empfand dieses Ineinander von Trauer und Euphorie beim Tod seiner Freundin Laure (bürgerlich: Colette Peignot). Gefühle dieser Art waren seine Spezialität, sowohl in der Theorie („Der verfemte Teil“) wie auch in der Praxis.