Lust am Baggerfahren

Einen Nachmittag lang in der Kiesgrube mit einem Bagger zu schaufeln, Erde ausheben und zu planieren macht großen Spaß. In der Erdbewegung liegt Kraft wie Lust. Was genau macht dabei Lust auszukoffern, Löcher zu graben und Erde glatt zu streichen?

Ein vorderster Stelle steht die Lust der Einleibung des Baggers mit seinen Möglichkeiten und seiner Macht, die auf den Baggerfahrer übergehen. Vom äußeren Ding zum eigenen Leib zu werden, ist eine alltägliche Verwandlung, so wie bei einer Krücke, die man als Verlängerung des Körpers einsetzt. Zunächst ist das Instrument ganz äußerlich, aber bald verschiebt sich die Grenze zwischen eigenem Körper und Gehhilfe, und man hat das Gefühl, die Bewegungen kommen aus der Krücke selbst.

Den Gehstock wird man dennoch nicht mögen, auch wenn er perfekt eingeleibt und eingemeindet worden ist, wohl aber ein Auto oder ein Bagger, mit dem man umzugehen weiß. Der Baggerfahrer fühlt sich eins mit seinem Gerät, dessen Bewegungsmöglichkeiten er kennt und beherrscht. Nimmt er auf dem Bagger Platz und fühlt die Steuerknüppel, so nimmt er den Bagger in Besitz und dehnt sich auf ihn aus, indem er seine Grenzen auf die Außengrenzen des Baggers, auf die Raupenketten, den Greifarm und die Schaufel verschiebt. Für den Baggerfahrer ist das eine Lust, ein Gefühl von Behagen in dieser Ausdehnung, ein Kraft- und Selbstgefühl, das seiner gesteigerten Ausdehnung entspricht.

Leben strömt in das technische Gerät ein und wird zu einem Teil vom Baggerführer, was im wesentlichen darauf beruht, das die Möglichkeiten, die in dem Gerät stecken, von ihm gemeistert worden sind. Er weiß also, wie er sich bewegen muss, um aus dem Bagger das herauszuholen, was in ihm drin steckt, wobei es sich um ein Wissen handelt, dass in dem Bagger selbst eingelassen ist, genauer ausgedrückt in dem Empfinden des Baggerführers des Aktionsradius und des Horizontes an Möglichkeiten des Baggers. Auch wenn er noch nichts konkret mit seinem Gerät anstellt, macht er aus ihm einen Teil seiner Habe. Er nimmt den Bagger in seinen Besitz, in dem er sich auf ihn ausdehnt und seine Grenzen nach Außen verschiebt. Er expandiert.

Spass macht auch das Zerstören mit dem Bagger. Eine Hauswand mit der Schaufel umzuwerfen oder eine Tür einzudrücken, bereitet tiefes Behagen. Die Lust an der Zerstörung ist ein enger Verwandter an der Baulust, die man empfindet, baut man ein Haus. Das Gefühl, dass sich etwas fügt und bildet, ist eine der Urlüste des Menschen und zeigt sich beim Kochen so gut wie bei der Gartenarbeit und sogar beim Aufräumen. Die Zerstörungslust ist eine Variante des Baugefühls, nur anders herum gewendet, Lust an der Auflösung einer Ordnung zu haben. Kleine Kinder leben sie ungeniert und empfinden dieselbe Freude beim Bauen einer Sandburg wie bei ihrer Zerstörung, in dem sie mit Anlauf in die Burg springen oder auf die Flut warten, deren Wellen die Burg erst anknabbert und dann ganz mit sich nimmt.

Baggern und Schaufeln macht Lust und ein Teil dieser Lust findet sich im Willen zum Baggerfahren. Wille ist längst nicht immer Mangel und kann auch Fülle sein, anders als Schopenhauers Metaphysik des Wollens besagt. Wer beispielsweise Donuts in sich hineinschlingt, der hat nicht nur Lust am Schmalzkringel, sondern auch Lust am Begehren. In jedem Moment des Kauens und Schluckens erneuert sich sein Hunger und fügt dem Genuss am Essen Intensität, Geschwindigkeit und das Gefühl von Lebendigkeit hinzu.

Wenn man dabei zu sehr auf das Wollen aus ist, wird man den Donut kaum mehr schmecken, weil man reines Verschlingen und somit reiner Wille wird. Nimmt das Verlangen also Überhand, nimmt der Genuss ab. Nimmt aber der Wille stark ab, so leidet ebenfalls der Genuss, und zwar nicht nur, weil es an Motivation mangelt, sondern, weil das Wollen selbst Teil der Lust ist.

Auch beim Baggerfahren ist der Wunsch nicht nur das, was in seiner Erfüllung Freude ergibt, sondern als Wollen selber Teil der Lust am Baggern. Die Lust an der Zerstörung beispielsweise besteht wesentlich im Willen zur Destruktion, die sich in jedme Moment an sich erneuert und die eigene Lebendigkeit steigert. Der Wille ist genauso wichtig für den Genuss wie die eigentliche Lust an der Erfüllung. Da die meisten Menschen aber nie richtig wollen gelernt haben, können sie das Verlangen nicht in die Lust so einfließen lassen, dass es wie beim Baggern zu einer Gesamtlust wird.

Sebastian Knöpker