Lust am Nein

Die Lust am Neinsagen ist Teil des Alltags der meisten Menschen und erreicht auch Leute, die sonst nie lachen und sich keine Lust gönnen. Da es ein dunkler Genuss ist, der gemischt mit einigem Ärger einen heimliche Lust bildet, lässt er sich gut bei einem Anflug von Langeweile verwirklichen. Man hat dann nicht den Eindruck nur deswegen zu verneinen, um ein wenig Farbe und Intensität in sein Leben zu bringen, weil man über ein solides Nein verfügt, dass von guten Argumenten gestützt wird.

Das kleine Krafterlebnis in der Verneinung wärmt und enthält trotz des häufigen Ärgers im Neinsagen ein Selbstgenuss und eine Süße, der man schwer widerstehen kann. So entsteht eine weite Welt des Verneinens, in der das Nein blüht, gedeiht und sich immer wieder neu erfindet.

Wäre das Nein entkoffeiniert und ganz ohne Lebendigkeit würde die Welt des Nein austrocknen, in sich zusammenfallen und zu sachlicher Vorhandenheit schrumpfen. Die etwas vergiftete Lust am Verneinen schafft also eine geräumige Welt, in der wir uns gerne aufhalten und am kleinen Ärger oder an der kleinen Machtdemonstration für zwischendurch erwärmen.

Der Horizont des Neinsagens wäre sehr beschränkt, würden wir ganz nüchtern und trocken Nein sagen. Da aber in fast jedem Nein eine Lust an der Verneinung steckt, genauer eine lebendige Kraft, die einen Aufschwung und eine Freude für sich ist, finden wir immer neue Formen des Nicht und des Nein. Diese Lust ist unrein, da sie meistens mit einem Unwillen vermischt ist und sich stets ihren Weg sucht und findet, also auch dann verneint, wenn es nichts zu verneinen gibt.

Die Lust am Nein kann auch zur Verneinungswut und zum Vernichtungswillen führen, wenn nicht mehr einzelne Aspekte verneint oder eingeschränkt gelten gelassen werden, sondern alle Kraft zusammen gezogen wird, um etwas endgültig aus der Welt zu schaffen. Die Verneinungsaktion duldet dann nichts mehr und gerät dadurch von dem Machteindruck des Neinsagens in den Bereich der Ohnmacht, weil man merkt, dass alle Kraft der Negation nicht hinreicht, das Verneinte aufzuheben.

Die Lust am Nein ist also gefährlich und entspricht oft einem abwärts gerichteten Hedonismus, in dem man sich zugleich ärgert wie auch am Ärger erwärmt. Da es gesellschaftlich nicht erlaubt ist, nach Herzenslust zu verneinen, bilden sich oft ein in sich gekrümmtes Nein, dass heimlich unter dem Vorwand sachlicher Kritik zum Neinerlebnis werden möchte. Umfangreiche Arbeiten am Nein sind notwendig.

Sebastian Knöpker