Der Urkeks

Macht man in sich eine Bestandsaufnahme der schlecht gelebten Lüste, so wird man insbesondere bei seinen Essgewohnheiten fündig. Man wird darauf stoßen, dass man viele Genüsse beim Essen nur anstreicht, größere Freuden unbeachtet lässt, über keinen gefestigten Geschmack in Sachen Essen und Trinken verfügt und in seinem Geschmackserleben mehr oder minder dahinlämmert. Die Inventur der Lüste zeigt so eine Selbstvergröberung im gastronomischen Bereich auf, die nach einer Selbstverfeinerung verlangt.

 

Ohne dabei gleich sein ganzes Dasein als essender Mensch in Frage zu stellen, kann man mit kleinen Veränderungen beginnen, beispielsweise mittels der Kekse, die man isst, und die weit von den Keksen entfernt sind, die sie sein könnten. Der klassische Doppelkeks etwa ist nur ein schwaches Abbild vom platonischen Ur-Keks, und um wenigstens beim Kekseessen mit dem übereinzustimmen, der man sein möchte, kann man auf Kekse zurückgreifen, die diesen Namen verdienen, etwa auf macarons, die französischen Könige unter den Doppelkeksen. Eine solche Selbstverfeinerung in Sachen Feingebäck erschließt den millionsten Teil des Lebens, der wiederum Aspekt des zehntausendsten Teil des Daseins ist, dem Schmecken.

Sebastian Knöpker