Der Hedonismus der Linie

„Eine Linie trifft auf eine Linie. Eine Linie meidet eine Linie. Abenteur der Linien.“

Henri Michaux

 „Keinen Tag ohne Linie!“ lautet das Motto der Linienfanatiker, das von Außen betrachtet wenig Anziehendes hat. Durch eigene Versuche, sich in diese Welt zu begeben, kann man jedoch schnell merken, wie der Leerraum zwischen den Linien sich belebt und bevölkert. Wo nichts ist, kommt es zu einer Aufladung des weißen Papiers, die einen Sog zur Folge hat, bei der die eine Linie eine andere trifft oder meidet und jeweils einen Effekt freisetzt. Schwere, Leichtigkeit und Intensitäten ergeben beim Zeichner einen reinigenden Effekt. Die minimalen Potenzen der Freude an den Linien durchdringen nach und nach die Durchstimmungen des Alltags und bringen sie so zur Auflösung. Wenn normalerweise die Sorge oder ddie Vorausschatten des morgigen Tages alles mit sich durchdringen, dann schützt sie das nicht davor ihrerseits durchdrungen und von Innen heraus aufgelöst zu werden.

 

Die Linienführung zieht also beim Zeichner Kreise, die eine hygienische Wirkung entfalten und die unsichtbaren Gegenstände und Konstellationen versenken. Das Zeichnen ist also eine Senke. Es hat keinen Sinn, sondern eine Wirkung, die darin besteht, eine Klarheit hervortreten zu lassen, wo bislang ein Gewirr an Unaussprechlichem herrschte. Die Linien lassen den Geist als Reinheit hervortreten, weil sie einen Platz einnehmen, der bereits besetzt ist, aber nun von ihnen eingenommen wird. Dieses nüchterne Geschehen schließt natürlich nicht aus, das man dabei auch einmal den Pinsel weglegt und einfach lacht.

Die Beschäftigung mit Punkt und Linie ist nicht so außergewöhnlich, vergleicht man sie mit der Beschäftigung mit der eigenen Frisur, die für viele Menschen einen Fixpunkt im Leben darstellt. Die Frisur ist ein Detail, in dem viele weitere Details wichtig sind, der Glanz, die Tönung, das Volumen, der Schnitt, die Locken etc. Innerhalb dieser Details gibt es wieder neue Details, etwa in der Frage der Dauerwelle, die so oder so onduliert werden kann und viele Varianten kennt. Die Menge der Einzelheiten, um die es bei der Frisur geht, bildet eine Welt für sich, in die man eintreten und in der man sich auch längere Zeit frei bewegen kann, ohne dass einem dabei langweilig wird. Diese Welt ist mit der von Punkt und Strich näher verwandt, da auch die Haare eine Menge Linien bilden, die in Form gebracht werden. Bei beiden geht es darum, die richtige Grundlinie zu finden, innerhalb von der man die Details arrangiert, so dass der Durst nach Linie gestillt wird.

In beiden Welten gibt es keine unwichtigen Details. Alles wird von einem Ernst erfasst, der jeden Strich in eine umfassende Ordnung bringen will und eine deutliche Vorstellung davon hat, was geht und was nicht geht. Diese Form zu finden wird zu einem seriösen Geschäft, das auf Kompromisse oft nicht eingeht und sich seine Zeit nimmt. Tatsächlich stellt sich die Zeitfrage beim Frisieren oft nicht, weil der Sog, seine Haare in die gewünschte Form zu bringen, so stark ist, sie gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wo sonst Zeitdruck herrscht, kann ein solcher beim Haaremachen oft nicht aufkommen, da diese Welt der Details außerhalb der Zeit steht.

In beiden Welten geht es um das gute Aussehen, das jeweils eine einfache Materie in Form bringen will. Die wenigen Elemente, um die es geht, werden dabei in immer wieder neuen Details erfunden, weil das Auge immer feiner wird und entsprechend mehr unterscheidet. Wie dabei das eine Detail zum anderen steht, welche Spannung und Intensität oder Leere ergibt, ist dabei von entscheidender Bedeutung. Es ist nicht mehr abstrakt oder zu wenig bedeutend, sondern rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Man kann mit einem Eimer Wasser und einem Pinsel in den Park gehen und auf die Fliesen Zeichen malen, die bald verdunsten und verschwinden. Mag man die chinesische Kalligraphie nicht, dann kann man sich die abstrakte Kunst halten (Wassily Kandinsky, Paul Klee, das Informel etc.) und sich so der Linienführung und ihren Freuden widmen. Dabei sollte man auch einmal unwillkürlich den Pinsel hinlegen und lachen.

Sebastian Knöpker