Städtebau der Lust: Claude Nicolas Ledoux

Jede Großstadt ist eine Stadt-in-der-Stadt: es gibt eine Stadt für die Toten (Nekropolis, Friedhof), eine für die Studenten (Campus der Universität), für den Schlaf (Schlafstadt), für die Kranken (Klinikviertel) usw. Oft dominiert eine der Städte in der Stadt alle anderen und zwingt ihnen einen ungesunden Charakter auf, so in der Autostadt, wo nur noch schraffierte Teilstücke zwischen den Straßen und Autobahnen bleiben.

Auf etwas ganz anderes läuft es hinaus, wenn man eine Infrastruktur der Lust zu Grunde legt. Wie eine solche Stadt des Genusses aussieht, die nicht auf die automobile Beweglichkeit ausgerichtet ist, zeigt Claude Nicolas Ledoux (1736 – 1806). Er war der Architekt des Städtchens Arc-et-Senans (Franche-Comté), das als Mischung von Fabrik und Schloss entworfen und auch realisiert wurde. Nach der Revolution von 1789 in Ungnade gefallen, nahm Ledoux dieses Projekt wieder auf und plante auf dessen Basis eine ideale Stadt des Hedonismus namens Chaux.

 

Chaux ist Ledoux nach eine Stadt der kurzen Wege, in der in eine Mischung aus Kapitalismus und Frühsozialismus regiert. So wie bei Charles Fourier sind dabei die Leidenschaften die Menschen bestimmend, die durch geschickte Kombination der Wünsche der Einzelnen zu einer allgemeinen Glückseligkeit führen sollten, mindestens aber zu einer besseren Gesellschaft.

Vorgesehen war ein maison de plaisir, ein Bordell in Phallusform. Dieser Tempel der Liebe sollte als Einheit von Prostitution und Liebeskunde dienen. Hier sollte Sex als praktische Kunst erlernt und verfeinert werden, um so höhere Werte der Erotik mit triebhaften Bedürfnissen zu verbinden. Es handelte sich dabei um ein Verschmelzen von Theater, Kirche und Schlafzimmer.

Ledoux plante auch großzügig, ging es um die Einheit von Wohnen und Arbeiten, bei dem nicht die Effizienz im Vordergrund stand, so wie auch nicht der Arbeiter mit seiner Familie, sondern die Architektur selbst. Als architecture parlante sollte sie immer für sich selbst sprechen, im Falle des Hauses für die Wasserwerker sollte sofort erkennbar sein, um was sich handelte. Der Wasserwerker und seine Familie wurden an dieser Architektur großzügig beteiligt, waren ihr untergeordnet, aber konnten gut in und mit ihr leben. Der Unterschied zwischen dem Haus eines Direktors zu dem eines Flurwächters ist bei Ledoux nicht aufgehoben, aber der Flurwächter lebt nicht mehr in eine klassischen Dienstbotenwohnung, sondern auf gehobenem Niveau. Er nimmt an der opulenten Architektur teil, die eigentlich für sich steht, aber auch für Nebenzwecke wie dem Wohnen dienlich ist.

Für Ledoux hatte die Kirche in Chaux keinen Platz. Für ihn ist sie das Symbol eines anti-hedonistischen Regimes der Passionen, die gegen das Leben selbst steht und den Menschen klein hält. Statt Kirchen gibt es in seiner Idealstadt viele Gebäude, die Tugenden verkörpern und der Ort von Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit und dem Gedenken großer Leistungen der Menschheit sind. So gibt es einen temple de mémoire, ein Gebäude zur Verehrung der Frauen, das von Müttern, Hausfrauen und Lehrerinnen erzählt. Die Tugenden des Weiblichen sollen dort der Jugend nahe gebracht werden. Die Großartigkeit der Architektur will dabei auch die Großartigkeit der abstrakten Tugenden aufzeigen. Was also eigentlich nicht gesehen werden kann, wird durch die bauliche Umsetzung doch fühlbar und erlebbar.

Der Entwurf von Ledoux kombiniert praktische Lösungen des Städtebaus (Stadt der kleinen Wege, begrenzte Einwohnerzahl) mit einer Utopie, in der die Architektur für sich selbst da ist und in ihrer Überdimensioniertheit auch noch dem geringsten Menschen einen guten Platz bietet. Die einseitige Auslegung der Stadt auf den Städtebau selbst scheint dabei betont unrealistisch, ist es auch, zeigt aber sehr gut, wie unsere Städte heute einseitig auf den Selbstzweck der Mobilität ausgerichtet sind. Städte wie Ludwigshafen am Rhein oder Dallas sind Dystopien. Sie sind nicht weniger unrealistisch als die Stadt von Ledoux, aber dennoch wirklich.

Sebastian Knöpker