Genuss und Glück für Autisten

330px-Galileo_moon_phasesAutismus und Weltoffenheit passen nicht gut zusammen. Autismus und Glück haben sich schon eher etwas zu sagen. Dabei ist klar, dass ein Autist nicht herkömmliche Wege zur Glückseligkeit beschreitet, weil er eine Welt für sich ist, in der in Sachen Glück und Zufriedenheit eigene Gesetze gelten.

Autisten haben einen betont konservativen Geschmack: sie freuen sich dann über ein gutes Essen, wenn es immer dasselbe ist. Sie lieben Weihnachten sehr, weil es jedes Jahr um zur selben Zeit stattfindet, dieselben Lieder gesungen werden und praktisch immer dieselben Geschenke unterm Tannenbaum liegen. Das hört sich nicht sehr niveauvoll an, auch wenn sich so manchmal aus der unscheinbarsten Situation eine Freude gewinnen lässt. Der Genuss kann daran stecken, in einen Raum zu kommen, in dem die Tische parallel zueinander stehen und die Bücher, die darauf liegen ebenfalls exakt parallel ausgerichtet sind.

Autisten sind also Spezialisten für das kleine Glück. So berichtet eine Asperger-Autistin davon, ein Buch über Schmetterlinge geschenkt bekommen und lange Jahre im Garten Ausschau nach ihnen gehalten zu haben. Das Ansitzen am Schmetterlingsbaum wird zur glücklichen Zeit, weil dort viele Zitronenfalter herumflattern und sonst eben nichts passiert. Erst nach einigen Jahren kommt ein Admiral-Schmetterling vorbei und krönt das bescheidene Glück.

Interessant wird es dort, wo Autisten im Geringsten Kunstwerke erblicken können. Manche sind synästhetisch begabt und können in Zahlen oder Formen Farben, Gerüche oder Geschmäcker sehen, riechen und schmecken. So entstehen Kunstwerke, die nur für einige wenige Menschen auf der Welt erlebt werden können, weil eine lange Kolonne von Zahlen normalerweise nicht ein warmes Grün ergibt, dass leicht nach Knoblauch schmeckt.

Ebenso anregend sind intensive Denkerlebnisse, von denen einige Autisten berichten. Der Philosoph hat Spaß am Denken und der Mathematiker an einer eleganten Problemlösung. Diese Lust lässt sich stark potenzieren, denkt man unter Meskalineinfluss oder mit Hilfe von Speed. Die Einfälle erscheinen dann notwendig als geniale Ideen und sind zwingend in ihrer Originalität, auch wenn sie von der Sache her dürftig sind. Denken als Erlebnis kann auch für einige Autisten ohne Drogeneinfluss etwas Außergewöhnliches sein. Für sie ist die Konzentration auf das Denken eine außergewöhnliche Erfahrung und wirkt befreiend, weil sie es darin schaffen, sich einmal von nichts sonst ablenken zu lassen, sondern im Denken aufzugehen. Auch bei ihnen geht es nicht um die Originalität, sondern um den Vorgang und den Vollzug des Denkens.

So ergeben sich schon einige Glücksoptionen für Autisten. Tatsächlich fehlt es aber an einer eigenen Glückskultur für sie. Sie sitzen ein bisschen auf dem Trockenen und trösten sich oft damit, dass ein Tag ohne Stress und Überforderung bereits Glück sei. Abwesenheit von Unglück ist aber nie etwas Gutes an sich. Man kann sich damit über die Runden trösten, aber es bleibt eine unbefriedigende Lebenslüge. Das große Glücksbuch für Autisten muss erst noch geschrieben werden.

Sebastian Knöpker

passend zum Thema:

glueck autistenChristine Preißmann: Glück und Lebenszufriedenheit für Menschen mit Autismus

Kohlhammer, Stuttgart, 2016, ISBN 978 3 17 026868 5, € 22.99