Todesfall Hedonist

Sebastian Knöpker

Auch Hedonisten sterben und werden beerdigt. Sehr zur Freude des verstorbenen Lustsuchers kann es dabei zu einem letzten Missverständnis kommen. Dann nämlich, wenn ein Pfarrer die Rede hält. Berufsbedingt kennt er die Lebensformen des Hedonisten nicht und kann daher nur raten, was zu tun ist.

Glücklicherweise gibt es für ihn ein Handbuch Bestattung, das ihm die entscheidenden Textbausteine liefert. Unglücklicherweise orientiert sich dieses Handbuch an der Konsumforschung, derzufolge 15% der Bevölkerung Hedonisten sind. So ein Hedonist ist demnach im Schnitt 39 Jahre, cool, unbekümmert und konsumiert gerne und viel. Was aus einer Beerdigung wird, die sich an der Konsumforschung ausrichtet, zeigt die inspirierte Grabrede:

handbuch_bestattung„Spaß haben. Das Leben spüren. So haben Sie, so habt Ihr den Verstorbenen erlebt. Gemeinsam hattet ihr viel Spaß, ob mit dem Snowboard, auf der Halfpipe oder seit kurzem mit dem Motorrad. Wenn ich die Fülle an Spaß in seinem kurzen Leben sehe, denke ich an einen Satz aus der Bibel: „Du junger Mensch, genieße deine Jugend und freu dich in der Blüte deines Lebens! Tu, was dein Herz dir sagt und deinen Augen gefällt! Ihr habt gesagt, ihr würdet es ungefähr so ausdrücken: „Hey Kid! Ich mein jetzt alle Jugendlichen: Freu dich am Leben und hab Fun! (…) Der Tod kommt mir in diesem Leben wie ein großer Spaßverderber vor. Aber Gott hat ihn besiegt. Darauf können wir vertrauen.“ (Handbuch Bestattung, 263)

Damit hat der Pfarrer in kürzester Zeit alle Stereotypen durchdekliniert, ist unfreiwillig ins Komische abgerutscht und erweist dem toten Hedonisten einen letzten Dienst. Aus der Konsumforschung schlau geworden, spielt er dann noch „Nur die besten sterben jung“ von den Böhsen Onkelz und lässt die Hinterbliebenen am offenen Sarg abfeiern und ihre Selfies und Tweets machen.

Heinzpeter Hempelmann (Hg.): Handbuch Bestattung, Impulse für eine milieusensible kirchliche Praxis, € 24,99,1. Auflage 2015, ISBN 978-3-7887-2967-7