Anständig trinken

Amis-Cover_Dez.10Kingsley Amis: Anständig trinken, übers. von Joachim Bessing, Verlag Rogner & Bernhard, 138 S., Euro € 14,90

Werbung für einen gemäßigten Alkoholismus macht Kingsley Amis in seinem Ratgeber für anständiges Trinken. Dabei ist daraus kein Reiseführer in die Welt der Whiskeys, Weine und Biere geworden, in dem viele kleine und große Tipps zusammen getragen wurden. Stattdessen macht das Buch Lust auf das Trinken. Genauer gesagt autorisiert es den milden Missbrauch von Alkoholika. Wenn man es gelesen hat, ist das schlechte Gewissen gewichen und stattdessen ergibt sich sogar die Erfahrung von Sinn beim Trinken.

Über den deutschen Wein verrät der englische Autor so viel, dass man sich einen anständigen Weißwein aus Rheinhessen besorgen soll, sich den Exporteur notieren und dann in diese Richtung weitertrinken möge. Es reicht demnach aus, wenn der Wein einigermaßen schmeckt. Denn letzthin geht es darum, „gemeinsam in angenehmer Umgebung nicht mehr ganz nüchtern zu sein.“ Wichtig ist dabei für Amis vor allem, dass man ordentlich trinkt, also ordentlich viel trinkt und möglichst große Gläser hat. Anständig trinken heißt für ihn entsprechend nicht mit Anstand trinken.

Das Buch richtet sich nicht an Gewinnertypen, die auf Selbstverfeinerung und Lebenskunst aus sind. Es ist mehr ein Ratgeber für Leute, die ein leicht abschüssiges Leben führen und die Lüste nicht verschmähen, die von schief seitwärts kommen. Es richtet sich an Menschen, die gerne zu viel trinken und daraus nun gerne ein Prinzip machen wollen.

Und so geht es Kingsley Amis auch nicht um das Vermeiden von Kater und Übergewicht, sondern um die Milderung solcher Erscheinungen. Der Kater ist eine „Mischung aus Niedergeschlagenheit, Schreckhaftigkeit, Zukunftsangst und Gefühl des Versagens“ und kann nur so angegangen werden, seinen ganzen Schrecken einmal zu durchleben, um ihn so zu überwinden. Das oberste Ziel ist demnach ein „ordentlicher Weinkrampf“ um sich danach den größten Teil der verloren gegangenen Würde zurückzuerobern.

Die unumstrittene Autorität des Buches leitet sich daraus ab, Lust aufs Trinken zu bekommen. Obwohl die Tipps unbrauchbar sind („Wenn sie abnehmen wollen, spenden sie regelmäßig Blut und gehen jede Woche zum Friseur.“), liegt ein Klassiker des Hedonismus vor. Denn es verhilft zu einem gesunden Selbstverständnis für eine nicht immer gesunde Praxis.

Sebastian Knöpker