Die Matratzengruft

Die Matratzengruft ist nicht der Ort, wo man normalerweise Urlaub macht. Heinrich Heine starb in einer, manche Leute feiern dort Sexorgien und wieder andere bereiten sich im Matratzenkeller auf den Weltuntergang vor. Ein Hotel in Jamaica, Hedonism II, ist jedoch für seine Matratzengruft weltberühmt.

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Hedonism II ist das Paradies für US-amerikanische Pärchen, die ihr Sexleben wieder auf Touren bringen wollen. Man versteht also sofort, warum auf der Anlage Kinder nicht erlaubt sind. Ein Swinger-Club ist es deswegen aber noch lange nicht. Es handelt sich um einen Ort, an dem sich sexuell aufgeschlossene Menschen treffen.

Ihnen geht es darum, die Lust am Sex in der Besenkammer neu zu erfinden. Dort dreht sich alles es um die Angstlust, erwischt zu werden. Diese Angst fließt in die sexuelle Erregung ein und es wird besserer Sex daraus. Zwei Menschen, die sich sexuell nicht mehr viel zu sagen haben, können so bei halbgeöffneter Tür die Putzfrau mit in ihr Sexleben einbeziehen und darin besser zum Höhepunkt kommen.

Exhibitionismus und Voyeurismus finden in Hedonism II ihren idealen Ort. Die Öffentlichkeit ist dort informiert und keiner stört sich an Sex unter der Dusche, Sex am Strand, Sex im Pool und Sex in der Matratzengruft. Hinsehen ist auch erlaubt und sogar erwünscht. Auf diese Weise lernen viel Pärchen auch einander kennen. Man meint schnell, den Anderen schon seit Ewigkeiten zu kennen, weil man ihn beim Sex zugesehen hat.

Die meisten Urlauber kommen am Wochenende und bleiben eine Woche. Am Samstag geht es entsprechend schüchtern los. Man lebt sich ein und nimmt die Atmosphäre auf. Nach und nach entdecken die Leute den Strand, den Pool, die Matratzengruft und ihre erotischen Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten nehmen rasch zu, die Hemmungen fallen ab und kleine Spiele von Exhibitionismus und Voyeurismus entwickeln sich. Im normalen Leben ist Küssen in der Öffentlichkeit bereits die äußerste Grenze, die in Jamaica aber nicht gilt. Dort kommt es zu einer Umkehrung der Verhältnisse, wo das Küssen gerade die äußerste Grenze der Nichterotik ist.

Die darin steckende Enthemmung ist eine Lust für sich. Der Sex zu zweit ist eine, Sex zu dritt und zu viert ist auch eine. Und die Atmosphäre ist eine weitere. Genauer handelt es sich dabei um einen Gefühlsfeld. Das kennt man eher vom Bahnhof oder von der S-Bahn morgens in der Frühe, wo bereits drei Leute eine Atmosphäre des Unwillens erzeugen. Bei einer Beerdigung entsteht eine gedrückte Atmosphäre, die jeden einfängt, der zufällig dazu stößt. Man kann nicht anders und wird von der Trauer eingefangen, auch wenn man mit der Beerdigung gar nichts zu tun hat. Das ist alles trist, zeigt aber das Prinzip auf, Felder der Gefühle zu erzeugen. Interessant wird es bei einer erotischen Gesellschaft, die Feld sexueller Aufladung erzeugt. Auf diese Weise breiten sich höchst merkwürdige Wolken um den Ort herum aus.

Was ist vom Urlaub in der Matratzengruft zu halten? Man kann in ihm die Ökonomie der Blicke für sich und sein Sexleben gut nutzen. Diese Wirtschaft steht sonst zuverlässig gegen den Menschen. Läuft es gut, kann man in Jamaica eine Sonderkonjunktur der Blicke erschaffen. Bedingung ist dafür allerdings, dass Leute zusammenkommen, die vom ganz genau selben Schlag sind. Hedonism II funktioniert nur, wenn ein bestimmter Typus Mensch aus einem bestimmten Milieu zusammen finden. Da man nicht so einfach aus dem Club gehen kann, wie aus einer Kneipe, bei der man merkt, nicht rein zu passen, geht man also ein Risiko ein, von der erotischen Gemeinschaft abgestoßen zu werden.

Sebastian Knöpker