Bilanzfälschung Lebensglück

Muybridge handWer seine Glücksbilanz aufpolieren will, der kann Glück möglichst un- kompliziert definieren. Er kann einen kräftigen Rabatt im Glücksmaßstab ein- fließen lassen, so dass sein eher laues Leben einen doch gar nicht so schlechten Eindruck macht.

Ein klassisches Instrument für die Aufweichung des Glücksmaßstabes ist die Wunscherfüllungstheorie. Man ist demnach dann glücklich, hat man die Ziele erreicht, die man sich vorgenommen hat. Man wollte einen guten Job, man hat ihn. Man wollte eine Frau und zwei Kinder – sie sitzen gerade nebenan im Wohnzimmer. Man wollte zeitig die Altersvorsorge ausbauen und ist auch hier im Soll. Daraus ergibt sich, dass man es im Leben gut getroffen hat.

Rückfragen an das tatsächliche Glücksempfinden sind dabei ausdrücklich erlaubt. Fragt man sich, ob man sich auch gut fühlt und ob das Leben tatsächlich mehr als einzelne Momente der Lust bereit hält, so zählt man die wenigen zweifellosen Glückserfahrungen der letzten Jahre auf und geht dann in einem günstigen Moment dazu über, die Rückfrage ihrerseits kritisch zu befragen. Man kann sie regelrecht überfahren, wenn man sich klar macht, wer im engeren Freundeskreis im letzten Jahr an Krebs erkrankt ist, wer sich gerade scheiden lässt und wer arbeitslos geworden ist.

Man ist dann bei einer Definition von Glück angelangt, bei der man Glückseligkeit als die dauerhafte Abwesenheit von Unglück definiert. Da in nächster Nähe viele Beispiele für leidvolle Existenzen gegeben sind, macht das unmittelbar Sinn, und man hat sich von der lästigen Rückfrage, wie man sich fühlt, endgültig befreit. Man hat dabei zwei Standbeine: erstens hat man seine Ziele im Großen und Ganzen erreicht und zweitens ist man dabei entgegen so vielen anderen Leuten schmerzfrei geblieben.

Macht man dabei einen ganz guten Eindruck auf Andere, so wird man sich in seiner Glücksbilanz bestätigt fühlen. Denn die Anerkennung, besonders aber der Neid der Mitmenschen ist unhintergehbarer Beweis für die eigene Klasse. Dabei handelt es sich um das Glück des Einbeinigen unter den Krüppeln und des Zyklopen unter den Blinden, was aber nicht auffällt, weil die meisten Menschen sich nie aus ihrem angestammten Milieu herausbewegen und die Schadensfälle und Schadensklassen um sich herum in ihre Glücksdefinition aufsaugen.

Entsprechend sind auch Umfragen über das Glück der Menschen, der Deutschen, der Franzosen und der US-Amerikaner ohne tiefere Aussage, weil sie nur abbilden, wie gut oder wie schlecht die Menschen ihre Glücksbilanz aufpeppen. Die Frage, wie glücklich man ist, verwässert dabei zu der Frage, ob man es schafft, durch eine Serie harmloser Verschiebungen vom Glück zur Abwesenheit von Unglück zu kommen. Je näher man einen Menschen über seine Glücksumstände befragt, desto mehr bringt man über seine Rabattaktionen in Sachen Glückseligkeit an den Tag.

Sebastian Knöpker