Hedonismus leben – Der „gelungene Tag“ in Geschichte und Gegenwart

Hedonismus_LebenLothar Kolmer, Michael Brauer (Hg.)
Hedonismus leben
Der „gelungene Tag“ in Geschichte und Gegenwart
232 Seiten
Format 15×24
englische Broschur
19.90 €
ISBN: 978385476-500-4

Hedonismus definieren wir als „eine heitere, in der europäischen Antike wurzelnde Lebensform beschwingter Bejahung von Genuss- und Lustmaximierung“ – ganz im Gegensatz zu den geläufigen Vorstellungen von „spätrömischer Dekadenz“. Denn: „Der Sinn des Lebens ist aus hedonistischer Sicht das Leben selbst“ und das Ideal „der gelungene Tag.“
Angesichts von historischen und aktuellen Problemen – seien es Krankheit, Alter, Tod, Industrienahrung und Massentierhaltung, Stress und Arbeitsüberlastung, Werbung und Desinformation – stellt sich dringend die Frage, wie man „gelungene Tage“ gestaltet. Damit ist ganz wesentlich die Frage nach einem guten und glücklichen Leben angesprochen.
Um dies zu gestalten, braucht es Informationen auf der Basis von fundiertem Wissen. Die Beiträge des vorliegenden Bandes zeigen historische, soziologische, psychologische und philosophische Lösungsansätze und damit Wege zu einer verantwortungs- wie auch genussvollen Existenz.

Leseprobe:

Sebastian Knöpker: Hedonismus des zweiten Geschmacks

Macht man in sich eine Bestandsaufnahme der schlecht gelebten Lüste, so wird man insbesondere bei seinen Essgewohnheiten fündig. Man wird darauf stoßen, dass man viele Genüsse beim Essen nur anstreicht, größere Freuden unbeachtet abhimmeln lässt, über keinen gefestigten Geschmack in Sachen Essen und Trinken verfügt und in seinem Geschmackserleben mehr oder minder dahinlämmert. Die Inventur der Lüste zeigt so eine Selbstvergröberung im gastronomischen Bereich auf, die nach einer Selbstverfeinerung verlangt.

Ohne dabei gleich sein ganzes Dasein als essender Mensch in Frage zu stellen, kann man mit kleinen Veränderungen beginnen, beispielsweise anhand der Kekse, die man isst, und die weit von den Keksen entfernt sind, die sie sein könnten. Der klassische Doppelkeks etwa ist nur ein schwaches Abbild vom platonischen Ur-Keks, und um wenigstens beim Kekseessen mit dem übereinzustimmen, der man sein möchte, kann man auf Kekse zurückgreifen, die diesen Namen verdienen, etwa auf macarons, die französischen Könige unter den Doppelkeksen. Eine solche Selbstverfeinerung in Sachen Feingebäck erschließt den millionsten Teil des Lebens, der wiederum Aspekt des zehntausendsten Teil des Daseins ist, dem Schmecken. Das Schmecken seinerseits ist in einen ersten und einen vernachlässigten wie weithin unbekannten zweiten Geschmack bestimmt. Um was handelt es sich bei diesem zweiten Geschmack?

Im Magen angelangtes Essen und Trinken entfaltet dort einen zweiten Geschmack, der weder süß, sauer noch bitter herausschmecken kann, dafür aber die Qualitäten der Leichtigkeit, der Schwere, der Weite, der Enge, der Wärme und Reinheit hervorbringt. So besteht der zweite Geschmack von warmen und abgestandenen Bier entsprechend in einem flauen Gefühl im Magen, das auf den ganzen Leib austrahlt. Man fühlt dann eine leichte Übelkeit nicht nur im Magen, sondern im ganzen Leib. Die „kranke“ Flüssigkeit im Magen ist das Zentrum des Unbehagens, dass den Leib durchströmt und durchwirkt. Gefühlt wird eine Schwäche, die mit einem Druck und einer Last einhergeht, der nicht vom realen Gewicht des Biers herrührt. Das drückende Gewicht in der Magengegend geht dabei oft mit einer unangenehmen Leichtigkeit in den Leibgliedern einher, so das sich eine charakteristische Mischung von Leichtigkeit und Schwere ergibt.

Ein gutes Steak wiederum kommt nicht nur Bissen für Bissen im Magen an und nimmt dort seinen Platz ein, kommt also nicht nur gut oder schlecht zu liegen, sondern wird ausgehend vom Magen auf den ganzen Leib ausstrahlen und diesen mit seinem Behagen durchstimmen.

Der Magen ist also ein nervöser Ort, der Ausgangspunkt von Leibstimmungen ist und die Atonie eines pappigen Essens genauso auf den Leib überträgt, wie die Schwere und Weite des gut zubereiteten Steaks. Was im Magen ankommt, so lässt sich allgemein bestimmen, füllt diesen nicht nur physisch zu einem Teil aus, sondern erzeugt dort auch ein je bestimmtes Gefühl. Der Magen als Gefühlsraum wiederum durchstimmt tendenziell auch den Leib über sich hinaus, so dass das gut liegende Steak den ganzen Mensch erreichen kann, so dass gilt, dass man ist, was man isst.

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