Lust am Minimalismus

bert_parleSparen macht Lust. Spart man beim Einkaufen, macht man zwei Sachen gleichzeitig: man kauft ein und man spart. Sparen ist also keine unbewegliche Tatsache, sondern ein Tun im Machen. In dem, was man macht, bringt man noch ein Tun unter, so dass der Alltag ein bisschen spannender wird. Man kann beim Einkaufen im Biomarkt auch die Umwelt schonen, so dass man im günstigen Fall das Gefühl hat, drei Dinge auf einmal zu machen: man spart, kauft ein und rettet die Umwelt.

Auch der Minimalismus holt sich diese kleine Lust am Machen im Tun näher heran. Der Minimalist will nicht mehr 25 Hosen besitzen, sondern erst nur noch 20, dann 15 und am Schluß nur noch fünf. Das Aussortieren und Verschlanken des Kleiderschrankes und des eigenen Geistes macht Spaß. Es ist so wie beim Einkaufen, wo der unsichtbare und abstrakte Vorgang des Sparens unmittelbar erlebt wird. Was man eigentlich gar nicht erleben kann, wird doch zum Erlebnis und bereichert das Leben.

Der Minimalismus ist edler als das einfache Sparen. Es ist sogar niveauvoller als die Umwelt zu schonen beim Einkauf im Bioladen. Es reicht allerdings nicht an das Tun im Machen heran, rettet man ein kleines Kind vor dem Sturz in die Tiefe. Macht man einige Schritte zum Kind hin, ergreift es und zieht es vom Abgrund weg, so ist all das banal. Aufregend ist es dagegen, diese elementaren Handlungen als Rettung eine Kindes zu erleben. Die Rettung wird dann zu einem konkreten Vorgang, der den ganzen Tag rettet und in die Höhe trägt.

Der Minimalist bewegt sich also in der Mitte von Sparen und Kind retten, wenn er den Toaster aus der Küche verbannt und so wieder einen Schritt weiter gekommen ist. Er kann jeden Tag etwas vereinfachen und sich Dinge vom Hals schaffen, die er sowieso nicht braucht. Dadurch wird er geschmeidiger, klarer und strukturierter. Das setzt eine Anzahl kleiner Freuden frei und belebt den Alltag.

Was einfach und banal ist, gewinnt an Bedeutung und Gewichtigkeit. Allerdings kann der Minimalist diese kleinen Einsprengsel der Belebung nur solange erleben, wie er auf dem Weg ist. Ein vollendeter Minimalist spürt nicht mehr, dass er das Minimum zum Maximum macht. Er vollzieht das zwar ständig, hat aber kein Empfinden mehr davon. Da trifft es sich gut, dass der Weg des Minimalismus fast endlos ist, da man alles kunstvoll vereinfachen kann, also das Zähneputzen, das Telefonieren, das Denken und das Wollen.

In seinem Mehrwert an Lust ist der Minimalismus solide. Er wertet den Alltag auf und führt immer wieder auf sich zurück, weil die Materie der Verknappung selbst nicht knapp ist. Die Vereinfachung ist ein endloser Prozess, der sich endlos weiter verkomplizieren lässt, um zu größerer Klarheit im Leben zu führen.

Sebastian Knöpker