Investitionen ins Glück

phrénologieSo wie Wohnungen mit der Zeit heruntergewohnt werden, das Parkett abstumpft und die Tapeten ermüden, so kann das Leben einen geheimen Abstieg hinlegen. Statt vergilbter Gardinen leidet man dann unter einem abgewetzten Selbst und mag sich nicht mehr so recht. Ein Sofortprogramm muss her, um wieder besser mit dem Glück in Verbindung zu kommen. Das alles kostet Geld, bewegt sich mal im einstelligen Bereich, erreicht schnell die $$$$ – Grenze und geht manchmal auch darüber hinaus.

 

$ – Inhalt und Etikett gehen oft stark auseinander, so dass nicht das drin ist, was eigentlich drin sein sollte. Ein Gespräch ist so oft ein Monolog, eine Beziehung ein brockenweises Miteinander und eine Tomate ein wässriges Etwas. Der Weg zum guten Leben besteht also darin, nach und nach diese Mogelpackungen durch das Original zu ersetzen. Beim guten Gespräch ist das nicht leicht möglich, beim Essen und seinen Zutaten hingegen schon.

Ein Kandidat für vollen Geschmack ist die Mohrrübe, die noch viel tiefer als die Tomate gefallen ist. Denn die Karotte ist nie auf geschmacklicher Höhe gewesen, sie ist nicht so wie die Tomate irgendwann geschmacksneutral geworden. Sie war immer schon lau im Geschmack. Die Ausnahme bildet die bretonische Sandmöhre, die Schmackhaftigkeit mit Karottengeschmack perfekt verbindet. Die Geschmacksfülle ist so groß und so abgerundet, dass man die Sandmöhre auch ohne Suppe oder Dressing isst.

Die Sandmöhre aus der Bretagne ist ein kleiner Schritt, um sich ein Qualitätsbewusstsein zuzulegen, das einen guten Unterbau hat. Wer nämlich weiß, was gut schmeckt, was gute Butter, gute Tomaten und gute Kapern sind, der gewinnt für einige Euro einen sicheren Stand, um sich auch mal an größere Mogelpackungen zu wagen, so wie das Scheingespräch, den Schlaf oder die Alltagserotik.

$$$$ – Wer mehr Geld zur Hand hat, kann einen stark vernachlässigten Sektor seines Lebens renovieren. Die Rede ist nicht vom Riechen, sondern vom Hören. Bei herkömmlichen Musikanlagen werden Raumtiefe und Klangfarben nicht gut wiedergegeben. Es gibt keinen Klangkörper, der den Genuss am Musikhören erst mit ausmacht. Eine „high end“ – Musikanlage bringt die platt gebügelten Aufnahmen wieder zurück in die Dreidimensionalität. Man hat den Eindruck, die Band würde mitten im Wohnzimmer stehen, da man hört, wo die einzelnen Musiker während der Aufnahme standen. Auch die Klangfarben kommen durch eine solche Anlage, die geschickt zusammengestellt nicht mehr als 5000 € kosten muss, richtig durch und man gerät so über Dur und Moll als Schwarz und Weiß spielend hinaus.

$$$$$ – Was Nasszelle genannt wird und auch Badezimmer heißt, ist oft ein Ort ohne Aufenthaltsqualität. Meistens sind an einer Wand hintereinander Waschbecken, Lokus und Dusche montiert, so dass man gerade noch Platz für eine Waschmaschine hat. Wenn man sieht, wie viel Zeit man in Badezimmern verbringt, nämlich den zwanzigsten Teil seiner Lebenszeit, ist das verbesserungswürdig.

Das Ziel ist es, das Bad so wie eine Wohnküche einzurichten. Die seitlich an die Wand geflanschte Badewanne sollte also befreit werden und im Raum stehen. Um sich nämlich beim Baden in die Weite fühlen zu können, braucht es auch ein Minimum an Freiraum. Das Weitegefühl wird so befördert und gestärkt. Auch das Bidet sollte zur Grundausstattung gehören, da die Reinigung nach dem großen Geschäft mit Klopapier unpraktisch ist und man nicht erst jedes Mal den Duschkopf abmontieren möchte, um einen gebündelten Wasserstrahl aus der Dusche schießen zu lassen.

Zur Grundausstattung gehört auch ein Canapé, da man sich nach einem Bad eigentlich nicht sofort aus dem Raum gehen will. Man will manchmal bleiben und nichts machen, wozu das Canapé da ist. Das Badezimmer wird zum boudoir, das kein Ort für unausprechliche Sexualpraktiken ist, sondern ursprünglich zum Schmollen und zum Ausbaden von schlechter Laune in einem Rückzugsraum gedacht ist.

Ob man einen Whirlpool braucht, sei dahingestellt, ein japanischer Ganban’yoku, ein heißer vulkanischer Stein, in dessen Hitze man auch angezogen „baden“ kann, ist jedenfalls sehr praktisch. Es handelt sich dabei um eine Art edle Fußbodenheizung, die je nach Gestein eine angenehme Hitze abgibt und so wie beim Wasser versetzt mit Salz oder Lithium ganz unterschiedliche kleinere Einsprengsel der Lust. Wer in Sole badet, fühlt sich anders als bei herkömmlichen Wasser. Der mineralische Aspekt spielt also eine Rolle.

Ein großzügig eingerichtetes Badezimmer kostet $$$$$ und ist also nichts für jedermann. Es renoviert den Sektor Baden und integriert Gesundheit, Sport (Yoga), Nichtstun und Hygiene. Auch die Lust am Frisieren, an Pediküre und Maniküre kann hier eingebracht und aus dem engen Rahmen der Funktionalität befreit werden. So ergibt sich ein Raum mit hoher Aufenthaltsqualität.

Sebastian Knöpker