Konkurrenz der Lüste

Muybridge wheelWer wissen will, ob er glücklich ist, kann die Frage danach nicht direkt an sich stellen. Ist man unzufrieden, wird man sein Glücksniveau geschmackvoll aufpolieren und schön reden. Ist man jedoch glücksgesättigt, wird man keine formale Bilanz ziehen können. Denn das Glück lässt sich weder befehlen, noch befragen. Abhilfe schaffen kleine Beobachtungen am Rande, die eine sichere Auskunft über die eigene Glücksbeschaffenheit geben.

Wer ein gutes Leben führt, der kann das an der Konkurrenzfähigkeit der Lüste zu den Problemen, Sorgen und Ängste ablesen. Wenn sich Glücksmomente oft gegen drängende Fragen des Alltags durchsetzen, dann zeigt das ihre Stabilität an. Denn normalerweise hat man viele Probleme auf ein Mal, dass sich nur ein oder zwei Problemkreise durchsetzen, alle anderen Probleme verdrängen und alle Lüste erst recht. Ein Problem verdrängt dann immer wieder ein anderes und eine heftige Konkurrenz tritt ein, in der die angesammelten Rechnungen von der GEZ nicht mithalten können und nur selten für kurze Zeit aufflammen, weil sie nicht wichtig genug sind. Will man allen seinen vielen Problemen wirklich gerecht werden, so könnte man das nur so tun, einen Nervenzusammenbruch zu erleiden, der die auswegslose Situation wiederspiegelt und allen Problemen auf allgemeine Art gerecht werden würde.

Die Konkurrenz der Probleme untereinander ist oft so stark, dass auch Lüste und Genüsse leicht abgedrängt werden und ebenfalls nicht mithalten können. Hat man gerade eine Freude an etwas, denkt dabei aber unvorsichtigerweise einen Problemgedanken, dann wird das Problem die Freude beenden. Wenn es jedoch umgekehrt läuft und eine Lust in die Problemsphäre einbricht und die Sorge verdrängt, dann ist das ein sicheres Zeichen, dem Glück nahe zu sein. Denn die Lust ist dann eine spontane und starke Kraft, stärker als Alltag, Beharrung, Sorge und Problem. Hedonismus heißt dann, ein Verhältnis der Lüste zu Problemen und Niederlagen aufzubauen, in denen der Genuss nicht chancenlos ist, sondern einen Rang besitzt, der sie ertüchtigt und konkurrenzfähig macht.

Manche Menschen sind auf die falsche Weise ernsthaft, nur ihre Sorgen ernst zu nehmen und ihnen einen besonderen Platz einzuräumen. Es gibt dann keine Konkurrenz zwischen Lust und Sorgen, sondern nur zwischen den einzelnen Problemen mit dem Resultat einer dauernden Beschäftigung mit ungelösten Fragen. Wenn umgekehrt Glückseinsprengsel unangemeldet in die Problemwelt einbringen und sich geltend machen, dann hat man diesen engstirnigen Ernst überwunden. Das Falsche des Ernstes besteht darin, dem Strom der Sorgen Wert und Aktualität einzuräumen, demgegenüber eine Lust nur möglich ist, aber nicht notwendig. Die Geister des Ernstes und der Notwendigkeit schließen sich gegen die Lust zusammen und drängen sie so an den Rand.

Die hedonistische Ernsthaftigkeit besteht hingegen gerade darin, im Leiden eine Lust zu finden, indem man vom Denken seiner Ursachen, Verursachern und möglicher Lösungen absieht. Wie gesehen kann sich hierin das Leiden sich in ein Sich-Erfreuen wandeln.Wenn das geschieht, so wird nicht nur das Leid fallen gelassen, sondern auch die Ernsthaftigkeit des Problemdenkens noch einmal überboten.

Fü den Alltag meint Konkurrenzfähigkeit der Lüste aber vor allem so etwas Einfaches, wie den Einbruch einer Lust in Grübeln und Zagen, die ein Loslassen vom Problem nicht nötig hat, weil die Lust die Sorge schwächt, verdrängt, sie aushebelt und an die Seite drängt. Wer so den Widerstand im Segeln sucht, der lässt einen Genuss in sich aufsteigen, der den Problemzwang überstrahlt und von Innen heraus aushöhlt.

Sebastian Knöpker