Sherlock Holmes: das kombinierte Glück

HolmesMein Geist kann Stillstand nicht ertragen“, sagte er. „Wenn er stagniert, wird er rebellisch. Geben Sie mir Probleme, geben Sie mir Arbeit, geben sie mir den unverständlichsten Geheimtext oder die komplizierteste Analyse, und ich bin in meinem Element, fühle mich wohl und kann dann auf künstliche Reizmittel verzichten. Aber ich verabscheue es, in eintöniger Routine dahinzuleben. Ich brauche geistigen Höhenflug. Darum habe ich mir auch einen besonderen Beruf gewählt.“

Conan Doyle: Das Zeichen der Vier

Sherlock Holmes Glück bewegt sich außerhalb der Komfortzone. Ihm geht es nicht um die klassischen Lüste und Genüsse um gutes Essen, Sex und Luxus. Er will seinen Fall und sich in dessen Lösung in gesteigerter Intensität, Dichte und Kraft erleben. Sein Elixier ist also die Selbststeigerung, zu der Lust hinzu kommen kann, aber nicht muss. Der Krafteindruck von sich selbst bedeutet Sherlock Holmes alles.

Hat er keinen Fall an der Hand, nimmt er Kokain zu sich, um nicht ganz in häuslicher Öde zu versinken. Industrial strength cocaine ist ihm dabei erste Wahl, weil es einen unbegrenzten Kraftzuwachs bringt und damit eine Selbststeigerung, die Sherlock Holmes unbedingt braucht. Er kann nicht auf das Gefühl verzichten, mehr und intensiver zu erleben. Kokain steigert dabei die Lebendigkeit und erzeugt dann einen metaphysischen Kater, der zwar sehr unangenehm ist, Holmes aber von seinem Biss befreit, ein maximal verdichtetes Leben führen zu müssen. Er leidet im Tief nach dem Kokain, kann sich damit aber arrangieren.

Kokain ist die Erlebnishaftigkeit schlechthin. Es ist sich selbst sein Erlebnis und braucht keine Inhalte, weil es gebündeltes Selbstgefühl ist. Für Sherlock Holmes gibt es dabei nur zwei Lüste: der Überschwang eigener Lebendigkeit als Rausch der Nüchternheit beim Lösen eines Falls und die potenzierte Macht durch das Kokain. Die Droge ist dabei nur Ersatz und klar auf dem zweiten Platz verwiesen. Sie kann mit ihren Lüsten nicht ganz mit einem Fall mithalten.

Sherlock Holmes ist eine Kunstfigur, zeigt aber eine Form des Glücks auf, die ohne Lust im herkömmlichen Sinne auskommt. Die Selbstmächtigkeit im Denken und Kombinieren ist für Holmes als innere Lebendigkeit ein Glück der dritten Art. Auch wenn dabei viel an Widerständen und Verdruss aufkommt, findet er darin immer seine Lust der anderen Art. Es ist wie bei einem aufreibenden Urlaub, der zwar im herkömmlichen Sinn nicht gut gewesen ist, aber einen tiefen Sinn von der eigenen Lebendigkeit vermittelt hat. Der Urlaub war anstrengend, nicht klappte auf Anhieb und die Sonne scheint nur für fünft Minuten, aber er kann doch überzeugend gewesen sein, hat er den Krafteindruck von sich gesteigert.

Sebastian Knöpker