Slow life

An den Grundsätzen des slow life stimmt eigentlich alles: langsamer und bewusster essen, auch mal selber Kochen, die Tomaten dazu im eigenen Garten ernten und nicht immer auf einen Bildschirm glotzen. Die meisten haben die Kunst der Verlangsamung auch nötig. Das zeigt allerdings, dass viele Menschen einfachste und elementare Aspekte des Lebens verlernt haben. Sie wissen nicht mehr, wie „Leben geht“.

da vinci fleuveSlow food versteht sich als Gegensatz zum Fastfood. Was man isst, soll man dabei auch bewusst zu sich nehmen. Man soll es schmecken, statt es runter zu schlingen. Das langsame Essen setzt dabei auf Zutaten aus der Region, auf frische Zubereitung und auf Genuss beim Essen.

Slow gardening setzt darauf, selbst Obst und Gemüse anzubauen. Dabei kann man kleine Sinnerlebnisse gewinnen und sich die Zutaten besorgen, die man beim langsamen Essen verspeist. Da man sich jeden Tag um seine Pflanzen kümmern muss, ist das langsame Gärtnern zugleich auch ein Beitrag für die Kunst des Entschleunigens im Leben insgesamt.

Slow masturbating setzt auf verlängertes Vergnügen bei der Selbstbefriedigung. Es will vor allem den Pornokonsum veredeln, bei dem man zu schnell seine Energie verausgabt. Wer slow food und slow gardening betreibt, weist slow masturbation als vollkommen unbekannt meist weit von sich. Eine interessante Sammlung an verlangsamter Lustverlängerung findet sich hier.

Slow cinema versteht sich als Gegenreaktion zu Filmen, die auf Verdichtung und Beschleunigung von Handlung setzen. Die Schnittfolge ist nicht rasant, sondern gemächlich oder kommt mit einer einzigen Einstellung aus. Es gibt wenig bis gar keine Spezialeffekte, kein inszeniertes Sterben, Töten und Foltern. Das Resultat kann verdichtete Langeweile sein oder ein echtes Kinoerlebnis.

Slow life erinnert an sonderpädagogische Anstalten, in denen Menschen beigebracht wird, wie Einkaufen geht, wie man den Müll runter bringt und sich die Zähne putzt. Für behinderte Menschen ist der Alltag eine Herausforderung. Wohnen beipielsweise ist ein komplexer Vorgang und den man muss ihn erst einmal beherrschen.

Alphabetisierungskurse in Sachen Entschleunigung rücken den Menschen ebenso in ein lebenslanges Lernen. Es sind ABC-Kurse der Marke Null. Wer sich die Langsamkeit jede Woche mehrmals für einige kostbare Minuten zurückerobern muss, der weiß, dass sein Leben aus den Angeln geraten ist. Er braucht nicht die Schminke des slow life. Er braucht ein anderes Leben.

Sebastian Knöpker