Punk – Zwischen Herumgammeln und Insichvergnügtsein

Punk ist der erklärte Wille zum sorglosen Genuss am Leben. Ein Punk, der etwas auf sich hält, fühlt sich so frei, wie der Ködervogel, der dem Falken als Beute vorgesetzt wird, wegfliegt und nicht wiederkommt. Wenn der Punk also nicht arbeitet, keine Miete zahlt, sich keine Gedanken um seine Altersvorsorge macht und erst am späten Nachmittag aufsteht, dann fühlt er sich dabei (manchmal) wie ein freier Vogel. Diese Freiheit kann eine Lust sein, die den ganzen Punk hintergründig durchfreut und sein Leben gut möbliert. Das Freisein als Erfahrung kümmert sich dabei nicht um die guten oder schlechten Gründe, die für sie sprechen, da man auch dem Autofahrer, der nachts stundenlang ziellos durch die Gegend fährt, und von einem Freiheitsgefühl durchdrungen wird nicht absprechen kann.

So wie der Punk sich in die tanzende und rumpelnde Masse ohne Rücksicht auf Verluste wirft, so lebt er sein Leben überhaupt und schont sich nicht. Auf lange Zeiten des Beinahestillstandes und des Rumhängens folgen plötzliche Beschleunigen, in denen das Leben an Intensität und Bedeutung Fahrt aufnimmt. Dabei helfen Drogen, Alkohol oder Amphetamine, die ein luxuioriöses Gefühl von einem Übermaß an Kraft und Energie erzeugen. Dieser Elan wird auf selbstverständliche Weise in Gelage verpulvert und sucht sich kein anderes Ziel, als sich weiter an sich selbst zu steigern. Früher oder später veschwindet die Euphorie entsprechend in einer lochartigen Erfahrung, die der Punk aber in seinem Grauen durchaus annimmt, da ihm die unerbittliche Logik, dass Drogen erst reichlich geben, dann aber mit Zins und Zinseszins zurückfordern, natürlich vorkommt.

Von Außen betrachtet ist das Leben des Punk wenig anziehend: gefrorene Kotze im Waschbecken in der ungeheizten Wohnung, der Schuh halb im Marmeladenglas und die Abwesenheit von Zukunft wirken abschreckend. Doch ist diese Bedürfnislosigkeit, in der es kein Schöner Wohnen und kein Wellness gibt, eine Grundlage für den Genuss am Dasein, mit der eine ungünstige Entfaltung einer sich immer weiter verzweigenden Bedürfnislandschaft verhindert wird. Die Bedürfnisse, die bleiben, können die Punks erfüllen, wobei sie den hedonistischen Geist oft durch monotonen Dauerkonsum verraten. Denn das ständige Hören von Punkmusik und ein stets Konsumieren von Amphetaminen drücken das Hedonometer.

Auch führt das dolce far niente zu einer erhöhten Gravitation des Lebens, zu einer Schwere und Beschwertheit. Das viele ungelebte Leben, das sich im Rumgammeln sammelt, macht sich irgendwann bemerkbar und taucht alles in Last und Mehltau. Beim Straßenpunk ist schließlich alles auf schnellen Selbstverbrauch ausgerichtet, da der Lebensstil Körper und Geist auslaugt, verbraucht und aufreibt. Als Hedonismus ist der Punk nicht gerade ein strahlendes Vorbild, aber ein reiner Ausdruck des Lustlebens, da nur gemacht wird, was gefällt und der Lust stark zugesprochen wird ohne die Konsequenzen zu leugnen oder übermäßig zu beklagen.

Sebastian Knöpker