Die Glücksaura

Jeder Mensch ist der Botschafter seiner selbst und schickt ständig kleine Teilchen von sich voraus. Wer dabei eine Aura von kernigem Männerschweiß vor sich her trägt, der macht keine Werbung für sich. Ebenso ist es mit der Wolke, die man aus einer ungelüfteten Wohnung mit sich in die Welt hinaus nimmt. Pheromone hingegen versprechen einen stilvollen Botschafter mit viel Sendungsbewusstsein.

phrenology_1835_wellcome_l0002999Die Aura als luftiger Körper um sich herum ist ein wichtiger Außenposten. Sie bildet einen zweiten Körper, der sich eng an die Körpergrenzen schmiegt und unfehlbar auf Andere wirkt. Da will man gerne ein wenig nachhelfen und daraus eine Aura des Glücks machen. So ist das amerikanische Lächeln nach Innen und nach Außen beliebt. Denn wer auch mit seinen Fältchen um die Augen herum strahlt, der erzeugt um sich herum eine Atmosphäre, die einige Meter in die Welt hinein wirkt. Was eigentlich nur ein Lächeln ist, erzeugt ein Feld um sich herum und zieht die Menschen an.

Das amerikanische Praxis ums Lächeln und Anschmunzeln wirkt tatsächlich immer. Manchmal kommt dabei allerdings eine Aura beklemmender Falschheit heraus, wie Hillary Clinton beweist. Ihr Management des Gesichtsausdrucks vergisst viele Muskeln und bekommt andere nicht richtig in den Griff, so dass ihre Aura selbst auf dem Fernsehbildschirm angestrengt und unangenehm gequetscht wirkt. Jahrzente mißbräuchlichen Lächelns verdichten sich bei ihr zu einer gescheiterten Biographie der Gesichtsmuskeln.

Das chinesische Lächeln wirkt da zuverlässiger. Es will aber auch weniger, da es eine unverbindliche Distanz aufbaut. Das Grienen chinesischer Art schafft ein Feld der Harmlosigkeit, das viele Situationen im Alltag entschärft und in oberflächlicher Harmonie ablaufen lässt. Das Lächeln wirkt zwar antrainiert, ist aber als zweite Natur im Chinesen angekommen. Der Übergang vom Gesicht in die Aura gelingt deswegen auch und schafft ein grinsendes Feld gesellschaftlicher Neutralität.

Alternativ zur Lachpraxis gibt es noch die Pheromone, die als chemische Botenstoffe eine materielle Aura kleinster Teilchen bilden und so anziehend oder abschreckend wirken. Wer es sich einfach machen will, der kauft sich Pheromone in kleinen Fläschchen und träufelt einige Tropfen auf seine nackte Haut. Das ist jedenfalls das Versprechen der kleinen Industrie um die Pheromone, die ihr Produkt selbstbewusst anpreist.

Willst du die Frauen die Überlegenheit deiner Libido spüren lassen? Dann ist Alfa Maschio etwas für dich (59.50 €). Bist du eine Frau? Dann gibt es Alfa Donna (59.50 €) für dich, das bei Männern den Wunsch erregt, von dir zärtlich berührt zu werden. Es umschmeichelt dich in einer Aura gußeisernen Selbstvertrauens und lässt jede Unsicherheit beim Gegenüber dahinschmelzen. Alfa Donna wirkt dabei zugleich günstig nach Innen und lässt dich wohl in deiner Haut fühlen.

Auch für die Geschäftswelt gibt es das richtige: Corporativo (49.50 €). Mit dieser Formel kannst du Respekt erzwingen. Der Respekt geht von dir aus, breitet sich in der Luft aus und erzeugt ein lückenloses Feld von Geschäftstüchtigkeit und Respektabilität. Eine Welt ganz neuer Möglichkeiten wird sich so auftun. Denn ohne das der Andere darum weiß, hast du ihn schon mit den Aeroquanten aus dem kleinen Fläschchen überzeugt. Selbst wenn dein Gegenüber wollte – er könnte gar nicht schlecht von dir denken.

Das ist eine schöne und phantasievolle Sprache, wird aber nicht zum auratischen Erfolg führen. Denn Pheromone aus der Flasche haben keine nachweisbare Wirkung. Was für Insekten und ihr Lebensleben gilt, das gilt noch lange nicht für den Menschen. Trotzdem wirkt die Idee eines halbstofflichen Feldes um sich herum auf viele Menschen anziehend. Denn man kann die unfassbare Aura so doch greifbar machen und das ohnehin schwierige Leben vereinfachen.

Wer sich nicht mit Lächeln und Pheromonen auf eine Abkürzung in die auratische Schräge begeben will, der muss tatsächlich sehr viel an sich arbeiten. Zum Beispiel sorgt eine schwere Krise, die man gut überstanden hat, oft für eine gestärkte Ausstrahlung. Man muss diese schwere Zeit allerdings auch ganz annehmen und durchleben, um vom Nullpunkt aus wieder aufzutauchen und vom Tauchgang eine strahlende Selbstsicherheit mitzunehmen. Der auratische Mehrwert ist also nicht kostenlos und auch nicht für 59.50 € zu haben.

Sebastian Knöpker