hygge [ˈhygə] – Gemütlichkeit

StubeAus Dänemark kommen in kleinen Schüben Modewörter wie Arbejdsglaede (Lust an der Arbeit) und hyggelig (gemütlich) nach Deutschland herüber. Sie zeichnen sich dadurch aus, nicht gut übersetzbar zu sein. Im unübersetzbaren Rest findet sich dann aber der besondere Wert, der im Fall von hygge der deutschen Gemütlichkeit etwas hinzufügt.

Wer hygge verstehen will, fängt mit dem Gegenteil von gemütlich an. Ungemütlich ist das gemeinsame Essen, bei dem sich einer gar nicht erst zum Essen hinsetzt, ein anderer mit seinem Stuhl weit vom Tisch sitzt und der dritte unter der Tischkante mit seinem Telefon hantiert. Es hilft auch, wenn ein vierter hinzukommt und kundgibt, bereits gegessen zu haben. Die Situation wird so ungemütlich.

Gemütlich ist es demnach, wenn alle am Tisch sitzen und keiner auf der Türschwelle stehen bleibt, um dort zu essen. Das Gemütliche besteht dann darin, dass sich alle auf das Beisammensein einlassen und ein Miteinander besteht. Die deutsche Gemütlichkeit fragt dabei nicht groß nach dem Unterschied zwischen bloßer Äußerlichkeit und echtem Füreinander. Der äußere Anschein reicht.

Das dänische hygge ist da anspruchsvoller. Es braucht mehr als ein gut geheiztes Wohnzimmer mit gut gepolsterten Sitzmöbeln und versammelter Familie. Hyggelig bezeichnet eine günstige Strömung, in dem man jederzeit mit vielen unerfreulichen Dingen nicht zu rechnen hat. Jeder kann in einem kleinen Experiment nachvollziehen, wie ungünstig diese „Strömung“ im Alltag ist. Wer nämlich nach einer guten Massage oder einem Gang in die Sauna voll entspannt auf die Straße hinaustritt, wird die übliche Feindseligkeit und Gleichgültigkeit um sich herum als abweisende Wand erleben. Nach einigen Minuten hat man sich dann soweit akklimatisiert, in der Normalität angekommen zu sein.

Hygge bedeutet also im Umkehrschluss Tauwetter der mehrfach gestaffelten Abwehrmechanismen. Die Atmosphäre wird durch eine gute Sicherheit angereichert, jederzeit nicht angefrozzelt oder angezweifelt zu werden. Wer nämlich in das Wohnzimmer kommt und spürt, sich nicht zu seinem Ehestreit oder seinen angekrümelten Finanzen äußern zu müssen, der lässt los. Er selbst wird auch nicht versuchen, andere hinterrücks anzuzweifeln und unerfreuliche Themen anzusprechen. Und so lassen auch die anderen los.

Im Unterschied zur amerikanischen Freundlichkeit, die durch politische Korrektheit betoniert ist, kommt es dabei aber nicht zur Belanglosigkeit. Hygge heißt nämlich nicht, mit Worten gar nichts zu sagen. Es garantiert nicht eine bloße Abgrenzung nach unten, wie in den USA, wo das ganze Gespräch aus lauter Stoppschildern besteht. Hygge verzichtet bloß auf die Vorzeichen der Konkurrenz, des Besserwisserei und des Status – und das bei vollem Erhalt des Gesprächsniveaus.

Wer hygge weiter erforschen möchte, der kann es mit dem türkischen ocak, der Herdmitte eines türkischen Hauses, vergleichen. Die türkische Gemütlichkeit hat wieder einen ganz anderen Charakter der Gemütlichkeit, der weder ins Deutsche noch ins Dänische zu übersetzen ist. Dasselbe gilt auch für die sehr gemütliche Droge Marihuana. Zusammen in der Gruppe Marihuana zu rauchen, erzeugt selbst mit zweifelhaften Kumpels eine gute Gemütlichkeit. Und auch die abgewetzte Couch auf der man dabei sitzt, nimmt dem Gemütlichen nichts. Aber sie fügt den Gemütlichkeitserfahungen etwas hinzu, aus denen man einiges lernen kann.

Sebastian Knöpker