Der S-Bahn – Frotteur

vries II„Verzeihen Sie mir bitte, aber es geht mir ausgerechnet um dieses Stückchen Raum, das sie mit ihrer Person einnehmen!“. So spricht der S-Bahn – Frotteur mit seinem ganzen Körper und reibt sich in Stoßzeiten gerne an Frauen. Die Lust am Reiben bewegt sich dabei in derselben Kategorie, wie die Frau, die sich gerne vor dem Arzt frei macht und berührt werden will. Und dennoch steckt in ihr ein Wert.

Was beim Frotteur stört, fehlt nämlich in Beziehungen oft. Dort gibt es keine absichtsvollen-absichtslosen Berührungen. Masse fingert im Beziehungsalltag bloß an Masse, ohne eine Lust am Möglichen zu erzeugen. Das Einfädeln erotischer Berührungen aus harmlosen Friktionen, fällt jederzeit aus, weil man den Anderen schon besitzt und es scheinbar gar nicht nötig ist, sich an ihn unauffällig heranzurobben.

Kleine erotische Anspielungen im streifenden Vollzug gehören aber zu einer Beziehung dazu. Sie bilden ein Element, das sowohl die Gesundheit des Zusammenlebens anzeigt, als auch durch kleine erotische Zugewinne eine gute Lust am Anderen erzeugt. Die unauffällige erotische Komponente bildet dann eine Grundstimmung, die nicht als Vorspeise für abendlichen, wilden Sex steht, sondern für eine Gestimmtheit an sich. Mit einer minimalen erotischen Aufladung durch frottierende Berührungen, die scheinbar absichtslos sind, kommt es zu einer Aufwertung des Zusammenseins.

Der S-Bahn – Frotteur hat einen geschärften Blick für die Inszenierung seiner Annäherungen. Er verstört und stört damit aber nur. Der soziale Ort stimmt nicht, würde aber zu Hause und in der Beziehung passend sein. Da wiederum fehlt der Blick für das Frottieren, so wie auch die Lust daran. Was also bei der Reibung im Nahverkehr stört und Menschen zu erotischen Sonderlingen macht, fehlt in der Zweisamkeit. Und gerade weil es dort fehlt, wird der Frotteur hier zum Vorbild. Er steht für eine eigene Form der Berührung, ein erotisches Subgenre.

Sebastian Knöpker