Zerstörungslust

phrénologie_redfieldDie meisten Lüste sind launisch, unzuverlässig und eigensinnig. Die Liste der zuverlässigen und immer ansprechbaren Lüste ist dagegen kurz und überschaubar. Auf dieser Lüste steht die Freude an der Zerstörung weit oben.

Auf fast jedem Schrottplatz kann man sich mittlerweile ein Auto ausleihen, es zertrümmern und wieder zurückgeben. Das kostet um die 100 € und ist gut angelegtes Geld. Es macht Spaß, die Windschutzscheibe einzuschlagen und die Seitenspiegel abzutreten. Man muss sich auch nicht genieren, da jeder, der mit dem Vorschlaghammer vor dem Auto steht, sofort von der Lust am Zerschlagen und Zertrümmern erfasst wird.

Das gilt auch für das alte Klavier auf der Party, dass auseinander genommen und mit Hammer und Axt in Einzelteile gespalten wird. Am Ende nimmt man sich eine Taste als Souvenir mit und steckt sie sich in die Sakko-Tasche. Einige Monate später – aus Anlass der nächsten Party – streift man sich das Jackett wieder über, greift in die Tasche und hat einen schönen kleinen Moment in der Erinnerung an die Zerstörung.

Was so sehr an der Destruktion überzeugt ist das Werkgefühl: man hat danach das tiefe Empfinden, wirklich etwas geschafft zu haben und erlebt darin einen tiefen Frieden. Wen man sonst auch lange an einem Projekt sitzt, das dann endlich zu einem guten Erfolg wird, so spürt man nicht sehr gut, wirklich etwas geschaffen und vollbracht zu haben. Man ist zwar froh, aber man denkt eher an das nächste Projekt, als sich im Erfolg des Vollendeten zu bewegen. „Es ist vollbracht“ als durchstimmende Freude ist also nicht so leicht zu haben.

Das Werkgefühl ist dagegen in der Zerstörung wie selbstverständlich zu Hause. Der alte Mensch zum Beispiel, der nach und nach Freunde und Verwandte wegsterben sieht, wird darin manchmal eine tiefe Genugtuung verspüren. Es ist sein Werk, die Anderen zu überleben. Er fühlt darin ein gutes „es ist vollbracht“. Deswegen hat er auch die lokale Tageszeitung abonniert, um die Todesanzeigen mit wissenschaftlicher Genauigkeit durchzugehen. Findet er dort einen alten Bekannten, so breitet sich in ihm ein eigenartiges und höchst angenehmes Gefühl aus.

Der alte Mensch, der begierig die Todesanzeigen in der Zeitung durchgeht, das verprügelte Schrottauto, das zerstörte Klavier und der gefällte Baum im Garten sind einige Möglichkeiten, seine Zerstörungslust diskret und sozial anerkannt zu leben. Das ist nicht viel für eine so zuverlässige Lust. Es gibt keine ordentliche Kultur der Zerstörung und ihrer Lüste und es ist aus nahe liegenden Gründen auch keine zu erwarten. Es gab einmal eine bei den japanischen Bu-shi-do, die nicht nur von Berufs wegen getötet und gebrandschatzt haben, sondern sich ihr Metier auch zur Berufung machten. Ihre Hochkultur der Aggression ist nicht nur untergegangen, sondern auch unwiederholbar. Was bleibt, ist das wachsame Auge, um das alte Klavier und den sturzgefährdeten Baum zu erkennen, um sich unter einem Deckmantel Lust an der Destruktion zu bereiten.

Sebastian Knöpker