Brüllen in der Sauna

Der Gang in die Sauna ist eine sichere Sache. Man entspannt dabei nicht nur, man fängt durch die Hitze auch schnell an, sich gut zu finden, bloß weil man seinen Körper spürt. Aber es gibt da auch ein kleines Problem: die geheimen Vorräte an Unmut, Wut und Frustration werden nur überdeckt, aber nicht ausgelebt. Was hilft? Schreien in der Sauna.

Marey troisEin heißes Bad oder ein Besuch in der Sauna rufen eine angenehme Erinnerung wach: man lebt. Was sonst bloß eine einfache Tatsache ist, steigt zur Lust am bloßen Dasein auf. Man freut sich also allein daran, seinen eigenen Körper zu spüren und braucht nichts weiter zu dieser Freude.

Zur gehobenen Tatsache des Daseins kommt noch die Lust an der Weite. Fühlt man sich sonst in die Enge getrieben und steckt wie in einem Schraubstock, so spürt man in der Sauna schnell, wie sich alles lockert und weitet. Man entwickelt das großzügige Gefühl, über sich hinaus zu gehen und sich in der Weite zu verströmen. Entspannung ist ein zu vages Wort dafür. Denn man lässt nicht nur los, sondern weitet sich lustvoll in den Raum.

Die feuchte Hitze schafft es auch, Denken und Leib voneinander zu trennen. Ein Gedanke hat nur dadurch Wirkung und Geltung, dass er vom Leib unterstützt wird. Es gibt keinen reinen Gedanken, der etwas von sich aus bewirken könnte. Erst der Lieferant aus dem Keller verleiht dem Denken Substanz und Dringlichkeit. In der Sauna unterstützt aber der Leib die Gedankenproduktion nicht mehr so recht. Selbst das drängendste Problem wirkt daher nur noch wie ein mattes Zitat, kraftlos von einem Blatt Papier abgelesen.

Saunieren macht also Freude, weil man sich an die Tatsache zu existieren erinnert, sich daran freut, und zudem in eine angenehme leibliche Weite gerät. Da man sich zugleich über nichts aufregen kann, weil die Gedanken körperlos geworden sind und selbst kaum Gewicht besitzen, ist man ganz ins Behagen getaucht. Das lässt sich aber noch steigern, wenn man dem Urbedürfnis nach Schreien und Urlauten nachgibt.

Viele Menschen tragen in sich einen Panzer von Frustration und Unmut mit sich. Die Wohligkeit der Sauna verdeckt für den Moment diesen Panzer an Frustration, trägt aber nichts zu seiner Auflösung bei. Damit wird eine gute Gelegenheit verpasst, durch Schreien seinem gesammelten Unwillen Ausdruck zu geben.

Besonders das Schreien in der Gruppe erreicht das Urgestein alter Wut-Bestände und schafft einen sozial anerkannten Rahmen für das Brüllen. Es entsteht ein erhebender Moment der Gemeinschaft, der durch keine Diskussion möglich wäre. Es ist auch oft so, dass man seinen Ärger nicht in Worte fassen kann, sondern erst im Brüllen auf den ungeschliffenen Begriff bringt. Das leibliche Sprachrohr des Schreiens drückt die angestammte und aufgestaute Frustration angemessen aus und erleichtert so den Wutpanzer um eine Schicht.

Sebastian Knöpker