Hedonismus der Ernsthaftigkeit

Nicht jeder will Leichtigkeit. Nicht jeder tanzt, um die Gravitation zu überlisten und leicht zu werden. Manche Leute neigen zum Gegenteil, zum schweren Ernst, der eine Lust für sich ist.

Im Ernst legt man an Gewicht zu. Man wird sich wichtig und gewichtig. Die erhöhte Gravität sorgt für Statur und Stand, was die ursprüngliche Genüsslichkeit befördert, sich selbst zu spüren. Das Selbstgefühl ist das Elixier im Leben schlechthin, wichtiger als jede Lust und jeder sonstige Genuss.

Der ernsthafte Mensch mag deswegen Kamel und Esel nicht. Es sind Tiere, die in Stumpfheit alles ertragen. Muss er selber wie ein Kamel ran, so erträgt er nicht, sondern trägt. Sein Ernst verwandelt die Last in ein Selbstgefühl, das für sich steht und bei aller Schwierigkeit für Tiefe und Gewichtigkeit sorgt. Er ist mehr Gewicht als Mensch und gefällt sich darin.

Verschreibt sich die Ernsthaftigkeit der Sache selbst, so besitzt sie eine schlichte Anmut und eine große Überzeugungskraft. Der Ernst stützt sich dann auf sich alleine und gefällt auch dem, der dem Ernsthaften sonst kein Wort glaubt. Der sehr ernste Mensch ist ehrlich, weil er alleine seiner Überzeugung nachkommt und darin den Respekt der Menschen weckt.

So wie Handtaschen und Turnschuhe wird leider auch der Ernst in aller Regel gefälscht. Man will die Wichtigkeit des Ernstes und sich darin spüren, ohne wirklich für etwas zu stehen. Die gefälschte Ernsthaftigkeit bedient sich dabei einer einfachen Taktik und orientiert sich am Ja bei der Hochzeit auf dem Standesamt. Wer beim Heiraten Ja sagt, der drückt nicht seinen Willen aus. Er vollzieht ihn und schafft so zusammen mit dem Ja seiner Braut die Tatsache, ab nun verheiratet zu sein.

Der scheinbar Ernste kopiert das und spricht nicht mehr, um einen Inhalt auszudrücken, sondern um ihn zu vollziehen. Allein im Aussprechen zeigt sich dann die Wahrheit von dem,was er sagt. Selbst sein gefurchter Gesichtsausdruck spricht dann für sich und verwirklicht die Wahrheit so, wie das Ja vor dem Standesbeamten die Ehe. Die so gefälschte Ernsthaftigkeit wirkt auf die Menschen ringsum beklemmend und kennt sein bestes Beispiel im bibelfesten Menschen, der Bibelzitate wie letztgültige Sprachurkunden ausspricht. Der Bibelmensch besiegelt im Aussprechen eines Bibelverses zugleich seine Gültigkeit. Was von außen Sturheit und Starrheit anzeigt, wirkt auf den Bibelfreund selbst ganz anders. Er empfindet die ganze Gravität seines Glaubens in einem Satz gebündelt und wird von seinem Ernst getragen.

Was ist nun vom Ernst zu halten? Ist er nur etwas für verbohrte Menschen, die sich darin an sich selbst gefallen? Die Christen mit schwerem Ernst und die Weltverschwörungstheoretiker ändern natürlich nichts daran, dass der Ernst eine schöne Weise ist, sich mit sich selbst zu beschweren und die Schwerkraft der Seele anzuheben. Zusammen mit der Ironie und dem Zweifel ergibt er einen Kreis, in dem man sich bewegen sollte, um aus einem Zuviel an Zweifel oder Ironie auszubrechen. Ein guter Ernst gehört zum lustvollen Leben dazu.

Sebastian Knöpker