Der Sozialporno

Der Sozialporno – das ist die Lust am verlotterten und verwilderten Leben der Anderen. Die schlampige Hausfrau von nebenan mit den Fetthaaren, die kaputte Grammatik des Kollegen und die Scheidung vom besten Kumpel bilden die Zutaten für die Lust am Scheitern der lieben Mitmenschen. Anatomie einer dunklen Leidenschaft …

Der Sozialporno hat seine Zeit, die um den späten Nachmittag liegt, und er hat seinen Ort, das Fernsehen, allen voran RTL II. Dort läuft die Serie „Frauentausch“, bei der eine Verlierer-Mutter in eine Gewinner-Familie gesteckt wird (und anders herum), um zu zeigen, wie schief und schlecht die Manieren der Verlierer-Familie wirklich sind. Die überforderte Mutter wird dann in der „guten“ Familie einmal durchdekliniert. Ihr verformter, durch vieles Fressen und Sitzen unförmiger Körper kommt kaum die Treppe hoch und noch schlechter wieder herunter. Und wenn sie in den Kühlschrank schaut, findet sie nicht wie erhofft Ketchup und Marshmallowfluff, sondern echte Lebensmittel, mit denen sie nichts anfangen kann. Die Überraschung darüber wird dann vom Zuschauer dankbar aufgenommen.

Wer so etwas nicht sieht und wer auch nie bei einem Verkehrsunfall gafft, der ist doch nicht in Sicherheit. Denn es gibt ja noch die Arthouse-Kinofilme, viele Melodrame darunter, in denen bezaubernde Geschöpfe erst vergewaltigt werden, dann vor Gericht als Täter dargestellt werden, um am Ende zu erblinden. Das Muster dieser Erzählung entspricht dem gehobenen Sozialporno, bei dem zunächst alle Bedingungen des Glücks erfüllt sind, damit das Leben dann aus den Fugen gerät und den attraktiven Hauptdarstellern ins schöne und ausdrucksvolle Gesicht geschrieben steht.

Wer nun auch nicht ins Kino geht, um sich so vom Elend anderer Leute inspirieren zu lassen, der ist immer noch nicht gerettet, denn es gibt ja noch das richtige Leben. Bei einem Familientreffen gehört der Sozialporno so immer zum Repertoire, weil es stets einen Onkel oder eine Tante gibt, die aus der Reihe schlägt. Nicht, dass man darüber sprechen würde, aber die Gespräche kommen doch immer wieder von selbst auf den „armen Onkel“ zurück, der von seiner Frau ausgesaugt worden ist und jetzt ohne jede Selbstachtung da steht. Aus demselben Grund ist auch das U-Bahn – Fahren so gefährlich, weil die Mitfahrer einen gerne in ihre Elendsgeschichten mit hineinziehen. Man kann nicht anders, hört mit ausdruckslosen Gesicht gebannt zu und verpasst so seine Haltestelle.

Der Sozialporno ist eine verkannte Lust, obwohl er viel wichtiger als das Eis vom Italiener ist. Verkannt ist sein Genuss, weil er immer erfüllt wird. Wir brauchen uns gar nicht anzustrengen, denn das Elend der Anderen kommt uns immer schon frei Haus entgegen. Weil wir immer reichlich Stoff haben, ist die Lust am Porno so selbstverständlich wie das Atmen. Wir müssen uns also nicht so wie die Geier darauf stürzen.

Es ist eine schöne Vorstellung, ein Mensch zu sein, der jederzeit nicht den Anderen als kleinen Sozialporno für Zwischendurch ansieht, sondern souverän über die Fehler des Mitmenschen hinwegsieht. Dann fehlt nichts, sondern es kommt der Hauch von Klasse dazu. Was man gerade nicht macht, wird dann als atmosphärischer Mehrwert wieder auftauchen. C’est la classe !

Sebastian Knöpker