Supper Club

Das Wohnzimmer ist geöffnet. Und es wird ein geheimes Restaurant daraus, wo sich Fremde mit ihrem Hunger treffen und zusammenkommen. Supper Club meint also die Veranstaltung eines Hobbykochs, der für einen Abend sein eigenes Restaurant aufmacht. Ein Lokaltermin …

Mannheim-Rheinau. Ein tief liegender Seifenhimmel hängt über den Häusern, denn hier wird Seife und Waschmittel produziert. Wie es den guten Sitten entspricht, komme ich alleine zum Supper Club im dritten Stock eines Hochhauses mit Blick auf das Seifen-Werk. Das stärkt den Austausch. Die Mitschmecker sind schon um den Wohnzimmertisch versammelt und beschließen der Einfachheit halber, mich zu kennen. Ich antworte mit einem Lächeln auf eigene Rechnung und setze mich dazu.

Als Vorspeise gibt es Umeboshi Pflaumen, die sauer und süß-salzig schmecken. Außerdem ist da noch ein Nachgeschmack von ausgekochter Strumpfhose, was die Runde aber nicht übel nimmt. Martin, ein Mitschmecker aus den Mannheimer Quadraten, erklärt dazu, dass es auch nicht so sehr um den Geschmack im Mund geht, sondern um die Öffnung des Magens. „Mein Magen fühlt sich schon unbesiegbar an.“, lenkt er unsere Aufmerksamkeit auf die Verdauung.

Dazu gibt es einen japanischen Pflaumenlikör, einen Choya Extra Shiso, der ebenfalls nach beschädigter Pflaume schmeckt, dieses mal wegen seiner Herbheit. Der Likör ist nichts für Leute, die gerne die Kontrolle behalten und am liebsten in ihren eigen Magen runtersteigen, um die Verdauung selbst zu besorgen und später die Reste eigenhändig wieder herauszuschaufeln.

Doch der Magen öffnet sich tatsächlich, wir bauchen aus und es wird darüber gerätselt, wie es nun weiter geht. Ein junges Ehepaar aus der Schweiz denkt sich in Richtung salzig-sauer und vermutet einen marokkanischen Eintopf mit Salzzitronen oder etwas Persisches, ein Huhn mit Pflaumen. Wir rätseln herum und einigen uns darauf, jederzeit gerne auf eine Suppe zu verzichten.

Tatsächlich geht es ohne Suppe weiter. Es gibt Hähnchen mit Pfirsich, Honig und Lavendel und der Koch sucht die schwierige Verbindung von Süß und Hähnchenfleisch. Das Essen ist also ganz einfach und doch wieder schwierig. Ob das funktioniert, probieren wir nun und der schüchterne Koch stellt sich in den Türrahmen zwischen Küche und Wohnzimmer und beobachtet. Ich bin sehr skeptisch, denn schließlich ist Hähnchen kein Schweinefleisch, das zu Pflaumen, Pfirsichen und Birnen passt.

Die Kombination geht auf, weil alles mit Weißwein und Balsamicoessig abgerundet worden ist. Eine Mitschmeckerin weiß nicht, was Aceto di balsamico ist und wird deswegen begeistert geschmäht. Sie hat in ihren ganzem Leben nur Branntweinessig zu sich genommen, was in dieser Runde so undenkbar ist, wie noch nie die Grenzen Mannheims verlassen zu haben.

Der Lavendel auf den süßen Hähnchen ist notwendig, damit der Gesamtgeschmack stimmig ist. Aber Lavendel schmeckt nach der Wolke draußen: nach Parfum und Seife und bleibt ein wenig komisch. Zu viel davon ist nicht drin, was den Lavendel-Einsatz dann doch überzeugend macht. Denn auch der Honig ist aus Lavendelblüten und bringt die notwendige Verwandtschaft mit, dass Huhn und Wein und Pfirsich miteinander zusammenkommen.

Zum Dessert gibt es selbst gemachtes Baklava und ein Tässchen Mokka oder anders ausgedrückt die Kombination von sehr süß und sehr bitter. Martin, der Mitschmecker aus den Quadraten, sieht darin die einzige Möglichkeit, noch einmal etwas Süßes zu bringen. Recht hat er.

Das Essen ist ein Erfolg und der Koch setzt sich zu uns. Wir wissen nun, wie man süß dekliniert und mit sauer, bitter und Huhn zusammenbringt, ohne dass es zu süß wird. Vor allem ist beidem Essen etwas passiert: keiner hat davon geredet, was er von Beruf ist, welche Projekte er hat und was er gerade anschiebt oder finalisiert. Es ging nicht darum, wer man ist, sondern wie man genießt. Es ist erstaunlich, wie einfach es sein kann, man selbst zu sein und darin ohne die geringste Anstrengung mit anderen zusammen ist.

Sebastian Knöpker