Speaking in tongues: die Lust an der Zungenrede

Die Lust und der Drang zur Kundgabe („Jetzt spreche ich!“) bewegt die meisten Menschen im ihren Innersten. Ohne Unterbrechung zu verkünden und zu verlautbaren ist der Traum vieler Menschen, der mangels Zuhörer meist auch ein solcher bleibt. Die Zungenrede schafft da Abhilfe, da sie sich sowohl von den Zuhörern wie auch von Inhalt und Bedeutung des Gesagten freimacht. Die charismatische Rede des Unsinns (Glossalie) sagt sich selbst und spricht sich in Silben ohne jede Bedeutung aus, die aber einen tiefen Eindruck von Sinn und Tiefe hervorbringen.

Die Rede in Zungen ist eine Offenbarung, die im Rededrang selbst besteht und sich der unbekannten Sprache der Engel oder auch der Vögel bedient. Es handelt sich dabei um eine Trance, in der man die Kontrolle des wachen Ich verliert und in einen Zustand gerät, in der sich das Reden seinen Platz nimmt und den Menschen zu einem wunderhaften Sprechen bringt. In der Zungenrede weiss man nicht wer man ist und man weiss auch nicht, dass man in Zungen redet. Gerade in dieser Selbstvergessenheit und Unsichtbarkeit sich selbst gegenüber erfährt man aber einen starken Eindruck von sich Selbst, da das Ich ausgeschaltet ist und das „mir geschieht“ das Erleben bestimmt.

Würde man als erster Mensch die Weltformel bekanntgeben, die alles zu erklären vermag, wäre diese Lust an der Kundgabe doch nicht vergleichbar mit der Euphorie der Trance im verkündenden Sprechen. Das Höchstmaß an Bedeutung kann also mit dem Maximum der Bedeutungslosigkeit nicht konkurrieren, da die Zungenrede eine reine Kundgabe ist, ganz ungestört von Inhalten. Tatsächlich gibt es keinen notwendigen Zusammenhang zwischen Sinn des Ausgesprochenen und dem Aussprechen selbst, das unbeschwert von jedem Gehalt umso konzentrierter zur Wirkung kommen kann. Offenbarung und Offenbartes sind so in der Glossalie nicht mehr voneinander unterschieden und die Frage, was das denn zu bedeuten habe macht ihrerseits keinen Sinn.

So überrascht es nicht, dass die Trance der Zungenrede religiös vereinahmt worden ist und im Christentum als Engelsrede verklärt wird. Unverblümt wird dem charismatischen Unsinn doch noch der Sinn untergeschoben, eine göttliche Erscheinung zu sein. Insbesondere die evangelikalische Pfingstbewegung nutzt die Glossalie, um Gott konkret erfahrbar zu machen. Der Mensch in Trance wird demnach zum Medium Gottes, der das göttliche Wort ausspricht, das keiner weltlichen Sprache angehört. Die Dreistigkeit, mit der ein vor jeder Religiösität stehendes Phänomen der Trance für sich in Anspruch genommen wird, hat dabei hedonistisch den Vorteil, dass man sich selbst als Inkarnation Gottes erleben kann. Der Eindruck von sich als Zungenredner ist dementsprechend sehr viel intensiver und wird zu einem in jeder Hinsicht herausragendem Erlebnis. Der Gesang des scat im Jazz oder Gospel, bei dem ebenfalls lautmalerisch aus sich heraus gesprochen wird, kann dem religiös angereicherten speaking-in-tongues nicht das Wasser reichen. Es ist eher eine Zungenübung, im Verlauf deren sich die Zunge verselbstständigt und eine Lust am Salbadern hervorbringt, die es nicht bis zur Euphorie schafft.

Hedonistisch betrachtet ist die Zungenrede eine Form der Trance, die sich wie das Tanzen einer bestimmten Handlung bedient und so eine Rauscherfahrung zustandebringen kann. Sie hat seine Zukunft noch vor sich, indem sie aus der religiösen Vereinnahmung befreit wird und als Praxis noch einmal neu erfunden wird. Der scat-Gesang oder die Verwendung von Nonsens-Sprechen im Lachyoga können diese Neubegründung noch nicht leisten.