Lust am Lochgraben

 

Raus aus der Komfortzone und rein in den ungemütlichen Widerstand! Diese Lust am Widerständigen hat jedes Kind, will es ein Loch in den Boden graben, um auf Grundwasser zu stoßen. Der Weg nach unten macht Spaß. Graben macht Spaß. Genauer ist es das Baugefühl am Graben Lust als Freude am Weg, der sich bildet und zum Wasser führt.

Was ist eigentlich unter der Erde? Mal graben, mal sehen – unten wird sicher Wasser sein! Erst kommt man gut voran und das Loch nimmt schnell Formen an. Die Kleider werden geschont und schon ist man einen halben Meter tief. Schließlich muss man mit rein ins Loch, der Sand rieselt von oben herab, kommt in die Kleider, auf die Haare und ist überall.

Natürlich will das Kind das Loch graben und der Vater steht nur dabei, um zu sehen, dass auch alles gut geht. Dann muss der Vater aber mit einsteigen, weil nach einem Meter der Sand noch nicht einmal feucht wird. Generell gilt: je heller die Erde und der Sand wird, desto näher ist man am Grundwasser. Je feuchter der Sand wird, desto weiter ist man schon gekommen. Das bestärkt das Gefühl, dass es weiter und voran geht, auch wenn man vom Wasser noch weit entfernt ist. Dieses Baugefühl macht den Reiz an der Grabaktion wesentlich aus.

Je tiefer man kommt, desto mehr gerät man aus der Komfortzone, weil ab 1.20 m der Abraum nur noch per Eimer aus dem Loch kommt. Das ist anstrengend, in der Anstrengung aber erfreulich, weil die Energie, die man in die Aktion steckt, mit Zins und Zinseszins wieder zurückkommt. Die Anstrengung kostet Energie, gibt aber mehr an Kraft zurück, so dass sich die Investition lohnt. Es ist schmutzig, sinnfrei und widerständig, macht aber gerade deswegen Spaß.

Je tiefer man gräbt, desto stärker zeichnet sich der Weg ab. Einen Weg finden ist wieder eine Lust für sich, weil man durch den Widerstand hindurch so langsam das Ende des Tunnels sieht, fühlt und riecht. Wie sich der Weg nach und nach öffnet, hat man auch die Freude daran, dem Durchbruch immer näher zu kommen. Im Komfort gibt es so etwas grundsätzlich nicht, weil dort das Fehlen von Widerstand Programm ist und alles weich abgefedert wird. Das Loch als Projekt gibt hingegen die unvermutete Chance, sich in das Innere von Widerstand und Mutterboden einzugraben, um darin die Lust am Widerstand zu erfahren.

Was als Klassiker des Kinderhedonismus gilt, ist für Erwachsene genauso aktuell, weil die Lüste am Widerstand, am Bau und am Weg zeitlos sind und beim Graben gut zueinander finden. Man kann sie natürlich auch woanders wiederfinden, beim Segeln oder beim Klettern, die jeweils eine widerständige und unkomfortable Materie zum Gegenstand haben, die solange bearbeitet wird, bis man seinen Weg macht. Die Freude am Graben zeigt also neue Horizonte der Lust am Widerstand auf, gültig für alle Altersstufen.

Sebastian Knöpker