Süße Tränen – Tränen der Lust

Weinen ist von jeher ein süßes Leiden und ein süßer Schmerz. Das Ineinander von Ohnmacht, Schmerz, Wollust und Mächtigkeit der Selbstpräsenz hat einige Mystiker dazu inspiriert, ein reines Weinen zu schaffen, also Tränen, welche die Glückseligkeit aus einem Feuerabgrund (abysso di fuoco) und einem stillen Meer (mare pacifico) vereinen.

Es gibt eine praktische Wissenschaft vom Weinen mit ihren Tränentraktaten, Tränenkatalogen und Alphabete der Tränen, in denen es darum geht, im Weinen nicht zu leiden, sondern sich darin freudig zu erleben. Die ältesten Aufzeichnungen über das Tränenvergießen als spirituelle Übung finden sich in den überlieferten Texten der Wüstenväter, die im Ägypten des 3. Jahrhunderts in Einsiedeleien wohnten. Und das älteste Traktat über die Tränen findet sich bei Katharina von Siena, eine italienische Heilige aus dem 14. Jahrhundert.

Katharina unterscheidet in La dottrina delle lacrime verschiedene Arten der Tränen, solche der Unaufrichtigkeit, in denen man nur über sein privates Unheil weint, solche der Furcht und solche Tränen, die zwar noch unvollkommen, aber bereits eine Freude der besonderen Art in sich enthalten. Diese noch unvollkommenen, aber süße Tränen stellen die erste Stufe der Loslösung vom Weinen aus persönlicher Betroffenheit heraus. In den Tränen con dolcezza piangono wird das Süße des Weinens als Trost Gottes aufgefasst, was sich so übersetzen lässt, dass in ihnen eine Glückseligkeit aus einem Feuerabgrund (abysso di fuoco) und einem stillen Meer (mare pacifico) gebildet wird. Beides scheint einander auszuschließen, allerdings nur von den reinen Begriffen her, denn jeder kennt aus eigenen Erfahrungen heraus das Gefühl, welches sich nach langem und unausgesetzten Weinen ergibt, nämlich ein inneres Feuer glühenden Schmerzes, welche dennoch ein perfektes In-sich-Ruhen ist und darin eine Lust am Schmerz. Die Intensität und das Brennen des Schmerzes sollen also bei gleichzeitigem Wegfall des reinen Leidens erhalten bleiben, so dass eine Seelenruhe eintritt, die Schmerz und Daseinslust in eine unauflösliche Einheit bringt. Es handelt sich also um einen Destillierungsvorgang der Tränen, bei denen das Beste des Schmerzes, seine belebende Kraft, seine durchdringende Intensität, mit der Seelenruhe Epikurs als stillem Glück herausdestilliert werden soll.

Das Ergebnis stellt sich erst nach fortwährender Übung heraus, nach dem Vergießen vieler Tränen und dem Zurücklegen eines langen Tränenweges. Der abgründige Charme des Weinens lässt sich allerdings für kurze Momente und ohne ein langjähriges Einweinen erleben, nämlich als musikalischer Genuss. Hört an sich etwa Johann Sebastian Bachs Kantate „Meine Tränen, meine Seufzer an“ dann schlägt das Bedrückende des Weinenwollens sogleich in eine Freude an den Tränen um. Man schämt sich im Hören von Bach nicht der eigenen Weinerlichkeit, weil man in ihr eine Kraft spürt, die als Lust am Leiden das eigentlich Kleinliche am Weinen zur Auflösung bringt. Dabei ist es das Fehlen einer nennbaren Ursache für das Weinen, welches das Tränenvergießen zu einem angenehmen Schmerz macht. Alleine die Musik reizt die Tränen, ohne das man wegen einer bestimmten Person oder eines bestimmten Grundes weint. Diese spontane Abweichung von einem konkreten Grund für das Weinen erzeugt einen unerwarteten Geschmack als Wollust am Weinen.

Und eben diese Abirrung in das ungerichtete Leiden steht auch am Anfang des Tränenweges der heiligen Katharina von Siena. Die Tränen, die man aus Untröstlichkeit, aus Furcht, Enttäuschung, Ohnmacht oder frustriertem Begehren weint, können in das süße Weinen umschlagen, wenn der Weinende einen Moment lang den ursprünglichen Grund seines Weinens vergisst. Die dann eintretende „geistliche Süßigkeit“ wird in der farbig gesteigerten Atmosphäre ihrer Schriften als „ziemlich viel Süßigkeit, Klarheit, gemischt mit Farbe“ bezeichnet.

Der Übergang vom Weinen aus Zerknirschung als einem Weinen aus persönlicher Enttäuschung heraus hin zu den Tränens Selbstgenuss findet sich sehr anschaulich in G. Boccacios Tränenroman „Die Elegie der Dame Fiametta“ geschildert. Besagte Dame ergeht sich in Tränen, da sie von ihrer großen Liebe enttäuscht worden ist. Nach einer Weile untröstlichen Weinens kommt sie auf die Idee, ihre enttäuschte Liebe in der langen Historie der großen und tragischen Liebestragödien als die größte und tragischste darzustellen. Weil sich diese Absicht jedoch nicht leicht verwirklichen lässt, da Fiametta sich schon bald in der Vielzahl an überlieferten Liebestragödien verirrt und sich zeigt, dass ihre Tragödie im Vergleich doch nur etwas Normales ist, muss sie ihr Ziel aufgeben und weint über diese Erkenntnis umso mehr. Jedoch stellt sich bei ihr in diesem haltlosen Weinen ein unerwarteter Selbstgenuss als die Wollust am schmerzlichen Getroffenwordensein ein. Die Dame Fiametta sieht sich denn auch im Angesicht dieser überraschenden Wendung als ein Alambik an, ein Destillierkolben, der alle Tränen aufnimmt und von diesen das Wertvolle abscheidet und bewahrt. So geht ihr keine Träne verloren und ihre anfänglichen lagrime di morte werden zu lagrime di vita. Ihre Tränen können wohl verdunsten, aber sie gehen nicht im Ungefähren auf, sondern akkumulieren sich und zeigen sich nach einem Prozess der Reinigung als reine Tränen.

Die Moral des Tränenromans von Bocaccio besteht also darin, dass auch das Weinen aus Egomanie heraus einen Weg zum Heil öffnen kann, wenn es in seiner Falschheit nur nachhaltig genug betrieben wird: der Exzess des Falschen kann kurz vor der vollständigen Selbsterschöpfung einen Weg in die Gabe der Tränen öffnen. Die Ausschweifung stellt damit einen Weg in die Wollust des Weinens dar, so wie der asketische Tränenprozess der Wüstenväter ein ganz anderer Weg ist.

Doch ist dem Tränenalphabet Katharina von Sienas nach eine süße Träne noch längst nicht eine vollkommene Träne. Was fehlt, ist das Selbstlose im Weinen aus Wollust. Diese Selbstlosigkeit wird nicht auf die Weise erreicht, sich unter Missachtung seiner selbst in Tränen aufzulösen. Ein solches Vergehen in den Tränen wäre nur das extreme Resultat einer verfeinerten Lustsuche, in welcher der gusto spirituale in sich selbst verbleibt. Selbstlosigkeit wird in der christlichen Mystik stets im Dienen Gottes bestimmt, eine formale Bestimmung, die uns nicht sagt, worin die Selbstlosigkeit im Unterschied zur beständigen Produktion von weinerlichen Gefühlsaufwallungen als Selbstgenuss liegt.

Der Wunsch der Mystiker, die selbstlose Liebe Gottes zu erfahren, ist daher auch oft als ein getarnter Hedonismus bezeichnet worden. Dieser Vorwurf ist aus prinzipiellen Gründen auch gar nicht widerlegbar, da die Präsenz Gottes im Mystiker stets als unvordenkliches Glück bezeichnet wird, so dass das göttliche Heil auch ein individuelles Heil ist. Man kann also sagen, dass es sich bei den Mystikern um existenzielle Hedonisten handelt, also um Lustsucher, welche den Hedonismus auf ein höheres Niveau heben. Diesem existenziellen Hedonismus wollen wir weiter nachgehen und im konkreten Fall klären, worin sich der süße Geschmack der Dame Fiametta von den vollkommenen Tränen der Katharina unterscheiden.

Zu den bisherigen Unterscheidungen von wahren und unwahren, gefährlichen und ungefährlichen, bedeutenden und unbedeutenden Tränen und der Unterscheidung von erbärmlichen und erhabenen Weinen tritt noch die Entgegensetzung von nassen und fließenden Tränen zu den trockenen Tränen. Die lagrime di fuoci (Feuertränen) Katherinas meinen ein Weinen ohne äußerlich sichtbares Tränenvergießen. Fließen die Wassertränen die Wangen herunter und müsse mit einem Taschentuch aufgetupft werden, so ist es den Feuertränen eigentümlich, „versprüht“ zu werden. Der Fortschritt der trockenen gegenüber den nassen Tränen besteht dabei zunächst darin, dass die Gefühlsaufwallung des Leibes in den Feuertränen bei volle Erhalt der Gefühlsfülle auf ein Minimum zurückgeführt wird. Diese Erleichterung ist von großer Bedeutung, da die leibliche Belastung durch das Weinen enorm ist und den Weinenden recht bald erschöpft. Was jedoch auf dem Weg der Tränen erschöpft werden soll ist nicht der Körper, sondern das Fühlen der Tränen. Erschöpft werden soll dessen Unreinheit, der im Bezug auf das eigene Unheil besteht, wie auch darin, der Daseinssteigerung wegen zu weinen.

Zwar kommt die Erschöpfung der Tränen in jedem Fall zustande, doch ist eine ganz bestimmte Form der Trockenheit des Empfindens gesucht. Es handelt sich dabei um eine solche, die nicht nur das Weinen aus Lust heraus ausschließt, sondern jede Empfindung überhaupt. Im Versiegen der Gefühle liegt eine Möglichkeit der Erneuerung der Gabe der Tränen und eine weitere Reinigung, welche zwei Elemente der Lust an den Tränen des Feuers erbringen soll. Es geht dabei zunächst um eine Verschiebung des Akzentes in der Lust am Leiden zur Ataraxie im Schmerz. Das Durchglühtwerden des Schmerzes wird dabei jedoch keineswegs überwunden, sondern akzentuiert. Dieser Schmerz ist darin eine Seelenruhe, nicht von sich ablassen zu wollen, sondern in sich zu ruhen.

Wollen wir darin eine Strategie benennen, so können wir sagen, dass ausgehend vom normalen Weinen aus einem persönlichen Verlust das Tränenvergießen um seiner selbst willen gesucht wird. In diesen Weinen ohne Warum kann sich eine erste und anfängliche Süße zeigen. Diese Lust am Weinen ist dabei nicht eine der klassischen Sorte, sondern eine Erfahrung von der Mächtigkeit des eigenen Daseins, also eine Macht- und Krafterfahrung von sich. Diese Krafterfahrung als Daseinsfreude im Leiden wird in der Folge verfeinert [weg vom Schmerz, hin zum Feuerabgrund (abysso di fuoco) und dem stillen Meer (mare pacifico)], wozu es schlussendlich auch gehört, sie durch exzessives Ausleben an sich selbst zu Erschöpfen. Der Sinn dieser Erschöpfung besteht in einer Erneuerung der Glückseligkeit des Weinens, die in einer weiteren Destillierung wie auch in einer Intensivierung von ihr besteht.

In dieser Phase des süßen Weinens angekommen, ist von dem ursprünglichen Weinen, so wie wir es kennen, nicht mehr viel übrig: die Tränen schmerzen nicht mehr so wie die Tränen der Zerknirschung, sie sind auch kein unreines Ineinander mehr von Lust und Leid wie in den unvollkommenen Tränen der Süße und sie sind schließlich nicht mehr sichtbar. Gerade die vollkommenen Tränen überwinden dabei das Leiden nicht, sondern erhalten den Schmerz. Dabei handelt es sich jedoch um einen gereinigten Schmerz, der die Intensität und das Brennende bewahrt, und in eine Ataraxie (Meeresstille der Seele) überführt.

Handelt es sich dabei um eine Lust, die in der Praxis relevant werden kann? Man könnte sie kultivieren, aber darin steckt ein sehr hohes Risiko, ein psychotisches Wesen zu werden, das nur noch aus Furcht, Zittern und Schluchzen besteht. Von daher ist diese Lust eher eine, von der man nur kurz kosten kann, eben in Form der Musik, insbesondere in der von Johann Sebastian Bach, dann aber auch als Lust an der Lust. Gemeint ist die Lust, die man verspürt, wenn man etwa Meister Eckhart liest: dann möchte man mystische Erfahrungen machen. Ebenso erzeugt die Rede über die Tränen eine Lust am Weinen, eine Lust am Aufbruch, ein plötzliches Interesse und ein Mitgehen. Kurz: der Hedonismus wird sich selbst zu Lust – wenn auch nur für einen kurzen Moment.

Sebastian Knöpker